Erinnerungen an Ernst Rietschel

Berthold Auerbach (1812–1882)

(Melodie: Prinz Eugen der edle Ritter etc.)

Gotthold Lessing, der edle Ritter,Kam herauf, wie ein Gewitter,Das die Lüfte frisch durchkreistEr thät schlagen die Parucken,Daß sie mußten niederducken,Und erneut ward Deutschlands Geist.

Und als die Parucken waren geschlagen,That er nun den Deutschen sagen,Was das wahre Leben sei:Laßt uns frei die Herzen schlagen,Künden, was sie in sich tragen,Trotz Professoren und Klerisei.

Und als die Hand des DramaturgenEingestürzt die alten Burgen,Drin der Ungeschmack genist’t,Zeigt er auch im schönen Muster,Daß nicht blos zu stürzen wußt’ er,Auch zu bau’n was ewig ist.

Und mit der Eisenfaust von GötzenThät dann Goethe scharf auswetzenJede Schart’ der Fremdelei’nStieg hinan die höchsten Höhen,Von wannen je der Geist gesehenZum Himmel hinauf und zur Erde hinein.

Und mit freiem GötterflugeSchiller folgt dem reinen Zuge,Ledig wesenlosen Scheins.Solche Männer im Freundschaftsbunde –Deutschland schlug die höchste Stunde,Die zwei größten Herzen in eins.

Doch auch die Größten müssen sterbenUnd den Leib der Erd’ vererben,Der sie lieh’n die höchste Pracht.Soll’n wir nimmer sie wieder sehen?Nimmer ihnen vor Augen stehen?Nein, seid wieder an’s Licht gebracht!

Und Ernst Rietschel ward erlesen,Neu zu schaffen, die gewesenUnd erreicht unsterblich Sein.Auf Du Trias deutscher Geister!Dich erweckt ein neuer Meister,Ewig rag’ ins Leben hinein!

Seht in Erz das Bild der Besten:Lessing’s sichern, Goethe’s festenGang und Schiller’s Sonnenflug;Alles hat er neu gestaltet,Daß es nun und nie veraltet,Jeden treulich Zug für Zug.

Auf, ihr Geigen und Trompeten,Ihr Clarinetten und ihr Flöten,Stimmt in uns’re Worte ein:Hoch! Der edle tapfre Meister,Der die Trias deutscher GeisterUns wiedergab so groß und rein!

Ueber diesen Strom vor Jahren,Bin ich einmal schon gefahren;Und von diesem Kahn umschlossenWaren wir da zween Genossen …

So, wenn ich vergangner Tage,Glücklicher, zu denken wage,Muß ich stets Genossen missen,Theure, die der Tod entrissen.

Doch was alle Freundschaft bindet,Ist, wenn Geist zu Geist sich findet;Geistig waren jene Stunden,Geistern bin ich noch verbunden. –