Die Reise (übersetzt von George)

Charles Baudelaire (1821–1867)

Translated from French by Stefan George

Dem kind entzückt in karten und pastelleDie schöpfung seiner weiten gier entspricht.Wie gross ist doch die welt bei lampenhelle!Wie ist sie klein in der erinnrung licht!

Wir reisen eines tags · das hirn voll gluten ·

Das herz mit bittrem wunsch und bittrem weh ·Wir wiegen in uns nach dem takt der flutenEin unbegrenztes auf begrenzter see.

[183] DIE um verhasster heimat zu entkommen ·

DIE ihrer wiege schrecken · andre auch:

Erforscher die in weibes aug verschwommen ·Der Kirke mit verderblich süssem hauch.

Um nicht behext als tiere zu verharrenEnteilen sie in raum und luft und strahl ·

Im sonnenbrande · in des eises starren

Verwischt allmählich sich der küsse mal.

Die wahren wandrer aber sinds die reisenNur um zu reisen – federleichter hauf!Sie können nie ihr schicksal von sich weisen ·

Sie wissen nicht warum und rufen: auf!

Und ihre wünsche sind aus wolkenländern –So träumt ein neuling der zu felde zogVon weiten freuden die sich ständig ändernUnd die noch nie ein menschengeist erwog.

[184]

Wir ahmen nach – o schrecken – ball und kreisel

In sprung und walzer. ja · auch wenn ihr schlaftSo schwingt die neugier über euch die geissel ·Ein strenger engel der planeten straft.

O seltne fahrt die jedes ziel verstattet!

– Es ist an jedem · drum an keinem ort –

Wobei der mensch dess hoffnung nie ermattetNach ruhe strebt und rennt wie rasend fort.

Die seele ist ein dreimast auf der suche.Die augen auf! erschallt es in dem schiff ·

Vom maste winkts mit lautem tollen spruche:

Ruhm .. liebe .. glück! – o fluch! es ist ein riff.

Und jede insel die der wächter kündetErscheint ein gold-schloss vom geschick erbaut ·Der fabelsinn der dort sein reich schon gründet

Sieht einen fels nur wann der morgen graut.

[185] O armer freund von zaubrischen gezelten!Er soll ins meer · er soll in strenge haft ·Der trunkne seemann · finder neuer weltenDurch deren schein die gruft uns jäher klafft!

Er gleicht dem bettler der im schmutze watend

Ins blaue guckt · sich paradiese maltUnd wie verzückt ein Capua erratendAllwo ein kien aus einer hütte strahlt.

Ihr hehren wandrer! welche edlen sätze

In eurem tiefen blick geschrieben sind!

O zeigt uns eures reichen lebens schätze ·Die perlen hergestellt aus stern und wind!

Wir wollen reisen ohne dampf und räder.O lasst damit ihr unsren kerker sonnt

Verzweigen über unsres sinns geäder

Der bilder strom umrahmt mit horizont!

Sagt was ihr saht!

[186]

Wir sahen sternenflitternWir sahen wogenprall und sandrevier.Trotz vielen schlägen vielen ungewittern

Empfanden oft wir langweil grad wie hier.

Der sonne glanz auf veilchenfarbnen meerenDer glanz der städte wenn die sonne sinktEntzündete in uns ein heiss begehrenNach einem himmel der verlockend winkt.

Die reichsten städte herrlichsten gefilde

Sie haben nie den zauber ausgeübtWie solche hoch im wolkigen gebilde –Die sehnsucht machte immer uns betrübt.

O sehnsucht · der genuss verleiht dir kräfte ·

Du alter baum den das vergnügen düngt ·

Erstarren auch und schwinden deine säfte:Strebt dein geäst zur sonne wie verjüngt!

[187] Du alter baum · wirst du so dauernd sitzenWie die zipresse?.. doch wir haben da

Für euer gierig album welche skizzen –

Ihr brüder · alles fremde liebt ihr ja!

Wir grüssten götzen mit verwachsnem strunkeUnd thronen mit juwelbeseztem saumPaläste voll von feeenhaftem prunke ·

Für eure handelsherrn ein unglückstraum!

Und sitten wie sie unser aug berauschen:Die frauen die sich färben zahn und hand ·Und weise gaukler denen schlangen lauschen ...

Was noch? was noch?

[188]

O kindlicher verstand!

Sei nicht das allererste euch verschwiegen!

Wir suchten nie · wir fanden übervielHinauf hinab die unheilvollen stiegenDer ewigen sünde widerwärtig spiel.

Das weib das albernheit und stolz verdüstern

Sich schmeichelnd ohne scham und überdruss ·

Der mann · ein vogt gefrässig hart und lüstern ·Der sklavin sklave und im kot ein fluss.

Des henkers lachen und des opfers ächenDas fest durch blutige schau gewürzt und roh

Der allmacht gifte die den zwingherrn schwächen

Das volk vertiert und seiner knute froh.

Viel glaubensarten unsrer eignen gleicheVon denen jede zu dem himmel klimmtUnd – wie ein lüstling aus der daunen weiche –

Aus dorn und fellhaar ihre wonnen nimmt.

[189] Die menschheit schwatzend · ihren geist bejuchzendUnd toll wie früher · unveränderlich ·Zu Gott in wilden todeskämpfen schluchzend:O Herr! o meines gleichen! fluch auf dich!

Die klügste schaar – des wahnes kühne söhne –

Die aus dem eingepferchten haufen brichtDass sie im weiten reich des mohnes fröhne ...So heisst des erdballs ewiger bericht.

Ein bittres wissen das die reise spendet!

Die welt sich gleich und klein hat gestern heut

Und immer unser bild uns zugewendet ·Ein fels von schreck im meer des leids verstreut.

Verbleiben? ziehen? bleib kann dirs genügen!Geh wenn du musst! der rennt · der deckt sich zu

Um jenen wachsam schlimmen feind zu trügen ·

Die Zeit – ach! läufer giebt es ohne ruh

[190] Dem Ewigen Juden gleich · dem glaubenswandrerFür die kein wagen ausreicht und kein bootDie quälerin zu fliehen – und manch andrer

Der nie sein bett verlassen schlägt sie tot.

Und fühlen wir im rücken ihre spurenDann hoffen wir und rufen laut: voran!So wie wir ehemals nach China fuhrenDie augen weit die haare im orkan ·

So segeln jezt wir auf dem meer des düstern

Mit junger pilger frohem pulseschlag ..Ihr hört das reizende und schlimme flüsternDer stimmen: »hierher wer da essen mag

Vom lotus düftevoll! hier könnt ihr lesen

Die wunderfrucht die euer herz ersehnt.

Berauscht euch an dem seltsam süssen wesenDes nachmittages der sich endlos dehnt.«

Wir kennen am vertrauten ton die Spektren ·Die Pylade · den arm uns zugekehrt –

»Dein herz zu laben schwimme zu Elektren«

So spricht sie deren knie wir einst verehrt.

[191]

Tod! alter seemann · auf zum ankerlichten!Dies land hier sind wir müd · o Tod voraus!Mag luft und meer zu tinte sich verdichten ·

Sind unsre herzen doch ein strahlenhaus.

Gieb uns dein gift! es soll von trost uns reden ·Lass uns – ein wildes feuer uns durchfuhr –Zum abgrund tauchen · hölle oder eden ·Zum Unbekannten nach des Neuen spur!