Mein Vorsatz

Christian Felix Weiße (1726–1804)

[41]Mein Vorsatz.

Wie sehr lieb ich mein Mädchen nicht!Sie hat ein allerliebst Gesicht,Zu schön, um es recht zu beschreiben:Doch daß, wenn sie mir untreu wär,

5Ich drüber den Verstand verlöhr:

Das laß ich wohl bleiben.

Ich trinke gern ein Gläßgen Wein,Schenkt mir Freund oder Mädchen ein,Darzu laß ich mich niemals treiben:

10Doch daß ich Nächte lang dieß trieb,

Und morgen mir die Stirne rieb:Das laß ich wohl bleiben.

[42]Ich wünschte mir ein eigen Haus,

Und theilte gern auch Gnaden aus

15Ließ Hypothecken mir verschreiben;

Doch daß durch niedrigen GewinnIch reicher würd, als ich jetzt bin:Das laß ich wohl bleiben.

Mit einer Frau von vielem Geld,

20Hat sie noch sonst, was mir gefällt,

Würd ich mich allenfalls beweiben:Doch daß ich Schwägern demuthsvollViel Reverenze machen soll,Das laß ich wohl bleiben.

25Ein Amt, wobey die Welt mich ehrt,

Das mich bequem und reichlich nährt,Darwider werd ich mich nicht sträuben:Doch soll ichs durch Laqueyn erflehn,Mich krank in Antichambern stehn?

30Das laß ich wohl bleiben.

[43]Des Lebens Glück ist mir ein Freund:

Auch bin ich keines Menschen Feind,Die oft durch Thorheit uns betäuben:Doch daß ich aus der Narren Zahl

35Vertraute hole, sonder Wahl:

Das laß ich wohl bleiben.

Noch wallt die Freud in meiner Brust;Noch hab ich viel zu leben Lust,Wenn mich die Welt nicht will vertreiben:

40Doch daß ich winselnd Abschied nähm,

Wenn schon so früh die Parce käm:Das laß ich wohl bleiben.