Das Pferd und die Bremse

Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769)

[45] Das Pferd und die Bremse.

Ein Gaul, der Schmuck von weissen Pferden,Von Schenkeln leicht, schön von Gestalt,Und, wie ein Mensch, stolz in Geberden,Trug seinen Herrn durch einen Wald;

5Als mitten in dem stolzen Gange

Ihm eine Brems entgegen zog,Und durstig auf die nasse StangeAn seinem blanken Zaume flog.Sie leckte von dem heissen Schaume,

10Der heeficht am Gebisse floß;

Geschmeiße! sprach das wilde Roß,Du scheust dich nicht vor meinem Zaume?Wo bleibt die Ehrfurcht gegen mich?Wie? darfst du wohl ein Pferd erbittern?

15Ich schüttle nur: so mußt du zittern.

Es schüttelte; die Bremse wich.

Allein sie suchte sich zu rächen;Sie flog ihm nach, um ihn zu stechen,Und stach den Schimmel in das Maul.

20Das Pferd erschrack, und blieb vor Schrecken,

In Wurzeln mit dem Eisen stecken,Und brach ein Bein; hier lag der stolze Gaul.

Auf sich den Haß der Niedern laden,Dieß stürzet oft den größten Mann.

25Wer dir, als Freund, nicht nützen kann,

Kann allemal, als Feind, dir schaden.