Der Blinde und der Lahme
[35] Der Blinde und der Lahme.
Von ungefähr muß einen BlindenEin Lahmer auf der Straße finden,Und jener hofft schon freudenvoll,Daß ihn der andre leiten soll.
5Dir, spricht der Lahme, beyzustehen?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;Doch scheints, daß du zu einer LastNoch sehr gesunde Schultern hast.
Entschließe dich, mich fortzutragen,
10So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,Mein helles Auge deines seyn.
Der Lahme hängt, mit seinen Krücken,Sich auf des Blinden breiten Rücken.
15Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem möglich war.
Du hast das nicht, was andre haben,Und andern mangeln deine Gaben;Aus dieser Unvollkommenheit
20Entspringet die Geselligkeit.
[36] Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die Natur für mich erwählte:So würd er nur für sich allein,Und nicht für mich bekümmert seyn.
25Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vortheil, den sie dir versagen,Und jenem schenken, wird gemein,Wir dürfen nur gesellig seyn.