Was ist mein Stand, mein Glück, und jede gute Gabe?

Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769)

Was ist mein Stand, mein Glück, und jede gute Gabe?Ein unverdientes Gut.Bewahre mich, o Gott, von dem ich alles habe,Vor Stolz und Uebermuth.

Wenn ich vielleicht der Welt mehr, als mein Nächster, nütze;

Wer gab mir Kraft dazu?Und wenn ich mehr Verstand, als er besitzt, besitze;Wer gab mir ihn, als du?

Wenn mir ein größer Glück, als ihn erfreut, begegnet;

Bin ich dein beßrer Knecht?

Giebt deine Gütigkeit, die mich vor andern segnet,Mir wohl zum Stolz ein Recht?

Wenn ich, geehrt und groß, in Würden mich erblicke;Gott, wer erhöhte mich?

Ist nicht mein Nächster oft, bey seinem kleinern Glücke,

Viel würdiger, als ich?

Wie könnt ich mich, o Gott, des Guten überheben,Und meines schwachen Lichts?Was ich besitz, ist dein. Du sprichst! so bin ich Leben;

Du sprichst! so bin ich Nichts.

Von dir kömmt das Gedeyn, und jede gute GabeVon dir, du höchstes Gut!Bewahre mich, o Gott, von dem ich alles habe,Vor Stolz und Uebermuth.