Die Weidenkätzchen

Christian Morgenstern (1871–1914)

[430]DIE WEIDENKÄTZCHEN

Kätzchen, ihr, der Weide,wie aus grauer Seide,wie aus grauem Samt!O ihr Silberkätzchen,

5sagt mir doch, ihr Schätzchen,

sagt, woher ihr stammt.

»Wollen’s gern dir sagen:Wir sind ausgeschlagenaus dem Weidenbaum;

10haben winterüber

drin geschlafen, Lieber,in tieftiefem Traum.«

In dem dürren Baumein tieftiefem Traume

15habt geschlafen ihr?

In dem Holz, dem harten,war, ihr weichen, zarten,euer Nachtquartier?

[431] »Mußt dich recht besinnen:

20Was da träumte drinnen,

waren wir noch nicht,wie wir jetzt im Kleideblühn von Samt und Seidehell im Sonnenlicht.

25Nur als wie Gedanken

lagen wir im schlankengrauen Baumgeäst;unsichtbare Geister,die der Weltbaumeister

30dort verweilen läßt.«

Kätzchen, ihr, der Weide,wie aus grauer Seide,wie aus grauem Samt!O ihr Silberkätzchen,

35ja, nun weiß, ihr Schätzchen,

ich, woher ihr stammt!