Ballade vom Tode der Kinderfrau

Franz Werfel (1890–1945)

Ballade vom Tode der Kinderfrau

War dem Wein und dem Gelächter,War dem bunten Haus entflohn.Straßenabwärts hört er seine Schritte kommen.In dem Raum der Nacht, in dem öden Raum ein wilder Ton.

5Und er ist beklommen,

An der Ecke keine Droschke, auf dem Platz kein Wanderer und Wächter.

Schon steht er vor seinem Tore,Bis der Schlüssel innen spricht.Stufen steigt er, wohlbekannte Stufen...

10Überhell brennt das Minutenlicht

Und erlischt. – In seinem KorridoreTastet er sich vorwärts – und er möchte rufen;

Rufen einen Namen leise,Ach, er fühlt sich wie ein Kind...

15Bis ein altes Pepičku vom weiten

Ihm erwidernd, aus dem Schlaf erwidernd ihm beginnt,So wie immer in den alten Zeiten.Und schon ruft er ängstlich, nach gewohnter Weise.

Ängstlich ruft er viele Male

20Bis er in der Küche steht.

In der Küche, wie in eines Hofes Mitten,Ohne Fenster und Gerät...Nur vom Uhren-Wächtergang beschritten.Ruft erst ängstlich, dann erregt, (wie ahnte er) und sucht nach einem Feuerstrahle.

25Mit der Kerze in das kleine

Zimmer tritt er zitternd ein.Jene Alte sieht er schlafen, schlafen in dem Bergland ihrer Kissen.Und er kann nicht schrein,Glaubt zu träumen, stampft und will nichts wissen.

30Aber alles ruht und nur ein Schatten tanzt im Kerzenscheine:

(Tote haben allerorten– Kleine Kinder, alte Fraun –Weit sich über uns erhoben, ja erhoben, liegen sie dahingestreckt.Niemand wagt es hinzuschaun.

35Und vor Toten hast du mehr Respekt,

Als einst vor dem dunkeln Lehrer mit den bösen Worten.)

Und er wurde so verlegenUnd er war so ungeschickt,Sollte er ihr Herz behorchen, Leute wecken?

40Doch er hat nicht hingeblickt,

Schamvoll wollt er fliehn und sich verstecken.

Denn er dachte, war ich krank, wie wußte sie zu pflegen.Seine Augen hat er zugemacht,Und die Hand lag auf dem Wasserkrug.

45Erster Traum, Dominospiel und kleine Eisenbahn wuchs nun ins Grauen.

Die ihn einst zu Bett gebracht,Die seinen jungen Schlafgeruch noch an sich trug,Hart und weise lag sie da und kaum mehr anzuschauen.

Manches konnte sie bereiten,

50Ging die schöne Mutter abends aus.

Sommerfrische und Spaziergang, alle Dinge, die vergangen, ja vergangen, sind mit ihr nun weitentrückt,Wandelnd im durchsichtig und entlegenen HausUnd so leis an sie gedrückt,Wie an einem blauen Tage, Kinder ihre Mutter wohl begleiten.

55Doch der Jüngling weinte nimmer.

Der begrabenen Gefühle vollMachte er sich auf, die Nachbarn, die verschlafenen Nachbarn herzuholen.Aber ehe jener Lärm erscholl,Hängte um den Spiegel er ein Tuch verstohlen

60Und verließ fast immer noch im Traum das Sterbezimmer.