Babylonische Sorgen

Heinrich Heine (1797–1856)

Mich ruft der Tod – Ich wollt’, o Süße,Daß ich dich in einem Wald verließe,In einem jener Tannenforsten,Wo Wölfe heulen, Geier horsten

5Und schrecklich grunzt die wilde Sau,

Des blonden Ebers Ehefrau.

Mich ruft der Tod – Es wär’ noch besser,Müßt’ ich auf hohem SeegewässerVerlassen dich, mein Weib, mein Kind,

10Wenn gleich der tolle Nordpol-Wind

Dort peitscht die Wellen, und aus den TiefenDie Ungethüme, die dort schliefen,Haifisch’ und Crokodile, kommenMit offnem Rachen emporgeschwommen –

15Glaub’ mir, mein Kind, mein Weib, Mathilde,

Nicht so gefährlich ist das wilde,Erzürnte Meer und der trotzige Wald,Als unser jetziger Aufenthalt!Wie schrecklich auch der Wolf und der Geier,

20Haifische und sonstige Meerungeheuer:

Viel grimmere, schlimmere Bestien enthältParis, die leuchtende Hauptstadt der Welt,Das singende, springende, schöne Paris,Die Hölle der Engel, der Teufel Paradies –

25Daß ich dich hier verlassen soll,

Das macht mich verrückt, das macht mich toll!

Mit spöttischem Sumsen mein Bett umschwirr’nDie schwarzen Fliegen; auf Nas’ und StirnSetzen sie sich – fatales Gelichter!

30Etwelche haben wie Menschengesichter,

Auch Elephantenrüssel daran,Wie Gott Ganesa in Hindostan. – –In meinem Hirne rumort es und knackt,Ich glaube, da wird ein Koffer gepackt,

35Und mein Verstand reist ab – o wehe –

Noch früher als ich selber gehe.