Das Hohelied

Heinrich Heine (1797–1856)

Des Weibes Leib ist ein Gedicht,Das Gott der Herr geschriebenIn’s große Stammbuch der Natur,Als ihn der Geist getrieben.

5Ja, günstig war die Stunde ihm,

Der Gott war hoch begeistert;Er hat den spröden, rebellischen StoffGanz künstlerisch bemeistert.

Fürwahr, der Leib des Weibes ist

10Das Hohelied der Lieder;

Gar wunderbare Strophen sindDie schlanken, weißen Glieder.

O, welche göttliche IdeeIst dieser Hals, der blanke,

15Worauf sich wiegt der kleine Kopf,

Der lockige Hauptgedanke!

Der Brüstchen Rosenknospen sindEpigrammatisch gefeilet;Unsäglich entzückend ist die Cäsur,

20Die streng den Busen theilet.

Den plastischen Schöpfer offenbartDer Hüften Parallele;Der Zwischensatz mit dem FeigenblattIst auch eine schöne Stelle.

25Das ist kein abstraktes Begriffspoem!

Das Lied hat Fleisch und Rippen,Hat Hand und Fuß; es lacht und küßtMit schöngereimten Lippen.

Hier athmet wahre Poesie!

30Anmuth in jeder Wendung!

Und auf der Stirne trägt das LiedDen Stempel der Vollendung.

Lobsingen will ich dir, o Herr,Und dich im Staub’ anbeten!

35Wir sind nur Stümper gegen dich,

Den himmlischen Poeten.

Versenken will ich mich, o Herr,In deines Liedes Prächten;Ich widme seinem Studium

40Den Tag mitsammt den Nächten.

Ja, Tag und Nacht studier ich dran,Will keine Zeit verlieren;Die Beine werden mir so dünn –Das kommt vom vielen Studieren.