Der bleiche, herbstliche Halbmond

Heinrich Heine (1797–1856)

Der bleiche, herbstliche HalbmondLugt aus den Wolken heraus;Ganz einsam liegt auf dem Kirchhof’Das stille Pfarrerhaus.

5"]}' id="mwGA"> Die Mutter liest in der Bibel,

Der Sohn, der starret in’s Licht,Schlaftrunken dehnt sich die ält’re,Die jüngere Tochter spricht:

Ach Gott! wie Einem die Tage

10Langweilig hier vergeh’n;

Nur wenn sie Einen begraben,Bekommen wir etwas zu sehn.

Die Mutter spricht zwischen dem Lesen:Du irrst, es starben nur Vier,

15Seit man deinen Vater begraben,

Dort an der Kirchhofsthür’.

[206] Die ält’re Tochter gähnet:Ich will nicht verhungern bei Euch,Ich gehe morgen zum Grafen,

20Und der ist verliebt und reich.

Der Sohn bricht aus in Lachen:Drei Jäger zechen im Stern,Die machen Gold und lehrenMir das Geheimniß gern.

25"]}' id="mwYA"> Die Mutter wirft ihm die Bibel

In’s mag’re Gesicht hinein:So willst du, Gottverfluchter,Ein Straßenräuber seyn!

Sie hören pochen an’s Fenster,

30Und sehn eine winkende Hand;

Der todte Vater steht draußenIm schwarzen Pred’gergewand.