Die Unbekannte
XVI.Die Unbekannte.
Meiner goldgelockten SchönenWeiß ich täglich zu begegnen,In dem Tuileriengarten,Unter den Kastanienbäumen.
5Täglich geht sie dort spazieren
Mit zwei häßlich alten Damen –Sind es Tanten? Sind’s Dragoner,Die vermummt in Weiberröcken?
Niemand konnt mir Auskunft geben,
10Wer sie sei? Bei allen Freunden
Frug ich nach, und stets vergebens!Ich erkrankte fast vor Sehnsucht.
[197]Eingeschüchtert von dem Schnurrbart
Ihrer zwei Begleiterinnen,
15Und von meinem eignen Herzen
Noch viel strenger eingeschüchtert,
Wagt’ ich nie ein seufzend WörtchenIm Vorübergeh’n zu flüstern,Und ich wagte kaum mit Blicken
20Meine Flamme zu bekunden.
Heute erst hab’ ich erfahrenIhren Namen. Laura heißt sie,Wie die schöne Provenzalin,Die der große Dichter liebte.
25Laura heißt sie! Nun da bin ich
Just so weit wie einst Petrarcha,Der das schöne Weib gefeiertIn Canzonen und Sonetten.
[198]Laura heißt sie! Wie Petrarcha
30Kann ich jetzt platonisch schwelgen
In dem Wohllaut dieses Namens –Weiter hat er’s nie gebracht.