Die Wahlverlobten

Heinrich Heine (1797–1856)

Du weinst und siehst mich an, und meinst,Daß du ob meinem Elend weinst –Du weißt nicht, Weib! dir selber giltDie Thrän’, die deinem Aug’ entquillt.

5 O, sage mir, ob nicht vielleicht

Zuweilen dein Gemüth beschleichtDie Ahnung, die dir offenbart,Daß Schicksalswille uns gepaart?Vereinigt, war uns Glück hienieden,

10Getrennt, nur Untergang beschieden.

Im großen Buche stand geschrieben,Wir sollten uns einander lieben.

Dein Platz, er sollt’ an meiner Brust sein,Hier wär’ erwacht dein Selbstbewußtsein;

15Ich hätt’ dich aus dem Pflanzenthume

Erlöst, emporgeküßt, o Blume,Empor zu mir, zum höchsten Leben –Ich hätt’ dir eine Seel’ gegeben.

Jetzt, wo gelöst die Räthsel sind,

20Der Sand im Stundenglas verrinnt –

O weine nicht, es mußte sein –Ich scheide, und du welkst allein;Du welkst, bevor du noch geblüht,Erlöschest, eh’ du noch geglüht;

25Du stirbst, dich hat der Tod erfaßt,

Bevor du noch gelebet hast.

Ich weiß es jetzt. Bei Gott! du bist es,Die ich geliebt. Wie bitter ist es,Wenn im Momente des Erkennens

30Die Stunde schlägt des ew’gen Trennens!

Der Willkomm ist zu gleicher ZeitEin Lebewohl! Wir scheiden heutAuf immerdar. Kein WiedersehnGiebt es für uns in Himmelshöhn.

35Die Schönheit ist dem Staub verfallen,

Du wirst zerstieben, wirst verhallen.

Viel anders ist es mit Poeten;Die kann der Tod nicht gänzlich tödten.Uns trifft nicht weltliche Vernichtung,

40Wir leben fort im Land der Dichtung,

In Avalun, dem Feenreiche –Leb’ wohl auf ewig, schöne Leiche!