Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli
Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli.
In dem Schlosse Blay erblickt manDie Tapete an den Wänden,So die Gräfin TripolisEinst gestickt mit klugen Händen.
5Ihre ganze Seele stickte
Sie hinein, und LiebesthräneHat gefeyt das seidne Bildwerk,Welches darstellt jene Scene:
Wie die Gräfin den Rudèl
10Sterbend sah am Strande liegen,
Und das Urbild ihrer SehnsuchtGleich erkannt’ in seinen Zügen.
Auch Rudèl hat hier zum erstenUnd zum letzten Mal erblicket
15In der Wirklichkeit die Dame,
Die ihn oft im Traum entzücket.
[69]Ueber ihn beugt sich die Gräfin,
Hält ihn liebevoll umschlungen,Küßt den todesbleichen Mund,
20Der so schön ihr Lob gesungen!
Ach! der Kuß des Willkomms wurdeAuch zugleich der Kuß des Scheidens,Und so leerten sie den KelchHöchster Lust und tiefsten Leidens.
25In dem Schlosse Blay allnächtlich
Giebt’s ein Rauschen, Knistern, Beben,Die Figuren der TapeteFangen plötzlich an zu leben.
Troubadour und Dame schütteln
30Die verschlafnen Schattenglieder,
Treten aus der Wand und wandelnDurch die Säle auf und nieder.
Trautes Flüstern, sanftes Tändeln,Wehmuthsüße Heimlichkeiten,
35Und posthume Galantrie
Aus des Minnesanges Zeiten:
[70]„Geoffroy! Mein todtes Herz
Wird erwärmt von deiner Stimme,In den längst erloschnen Kohlen
40Fühl’ ich wieder ein Geglimme!“
„„Melisande! Glück und BlumeWenn ich dir in’s Auge sehe,Leb’ ich auf – gestorben istNur mein Erdenleid und -Wehe.““
45„Geoffroy! Wir liebten uns
Einst im Traume, und jetzunderLieben wir uns gar im Tode –Gott Amur that dieses Wunder!“
„„Melisande! Was ist Traum?
50Was ist Tod? Nur eitel Töne.
In der Liebe nur ist Wahrheit,Und dich lieb’ ich, ewig Schöne.““
„Geoffroy! Wie traulich ist esHier im stillen Mondscheinsaale,
55Möchte nicht mehr draußen wandeln
In des Tages Sonnenstrahle.“
[71]„„Melisande! theure Närrin,
Du bist selber Licht und Sonne,Wo du wandelst, blüht der Frühling,
60Sprossen Lieb’ und Maienwonne!““
Also kosen, also wandelnJene zärtlichen GespensterAuf und ab, derweil das MondlichtLauschet durch die Bogenfenster.
65Doch den holden Spuk vertreibend,
Kommt am End die Morgenröthe –Jene huschen scheu zurückIn die Wand, in die Tapete.