In stiller, wehmuthweicher Abendstunde

Heinrich Heine (1797–1856)

In stiller, wehmuthweicher Abendstunde,Umklingen mich die längst verscholl’nen Lieder,Und Thränen rollen von der Wange nieder,Und Blut entquillt der alten Herzenswunde.

5Und wie in eines Zauberspiegels Grunde

Seh’ ich das Bildniß meiner Liebsten wieder;Sie sitzt am Arbeitstisch’, im rothen Mieder,Und Stille herrscht in ihrer heilgen Runde.Doch plötzlich springt sie auf vom Stuhl und schneidet

10"]}' id="mwOQ"> Von ihrem Haupt die schönste aller Locken,

Und giebt sie mir, – vor Freud bin ich erschrocken!Mephisto hat die Freude mir verleidet.Er spann ein festes Seil von jenen Haaren,Und schleift mich dran herum seit vielen Jahren.