Unterwelt
Unterwelt.
I.Blieb ich doch ein Junggeselle! –Seufzet Pluto tausendmal –Jetzt, im meiner Eh’standsqual,Merk ich, früher ohne Weib
5War die Hölle keine Hölle.
Blieb ich doch ein Junggeselle!Seit ich Proserpinen hab’Wünsch ich täglich mich ins Grab!Wenn sie keift, so hör’ ich kaum
10Meines Cerberus Gebelle.
[216]Stets vergeblich, stets nach Frieden
Ring’ ich. Hier im SchattenreichKein Verdammter ist mir gleich!Ich beneide Sisiphus
15Und die edlen Danaiden.
[217]"]}' id="mwPA"> II.
Auf goldenem Stuhl, im Reiche der Schatten,Zur Seite des königlichen Gatten,Sitzt ProserpineMit finstrer Miene,
20Und im Herzen seufzet sie traurig:
Ich lechze nach Rosen, nach SangesergüssenDer Nachtigall, nach Sonnenküssen –Und hier unter bleichenLemuren und Leichen
25Mein junges Leben vertraur’ ich!
[218]Bin festgeschmiedet am Ehejoche,
In diesem verwünschten Rattenloche!Und des Nachts die Gespenster,Sie schau’n mir in’s Fenster,
30Und der Styx, er murmelt so schaurig!
Heut hab’ ich den Charon zu Tische geladen –Glatzköpfig ist er und ohne Waden –Auch die Todtenrichter,Langweil’ge Gesichter –
35In solcher Gesellschaft versaur’ ich.
[219]"]}' id="mwdA"> III.
Während solcherley BeschwerdeIn der Unterwelt sich häuft,Jammert Ceres auf der Erde.Die verrückte Göttin läuft,
40Ohne Haube, ohne Kragen,
Schlotterbusig durch das Land,Deklamirend jene Klage,Die Euch allen wohlbekannt:
„Ist der holde Lenz erschienen?
45Hat die Erde sich verjüngt?
Die besonnten Hügel grünen,Und des Eises Rinde springt.Aus der Ströme blauem SpiegelLacht der unbewölkte Zeus,
50[220]Milder wehen Zephyrs Flügel,
Augen treibt das junge Reis.In dem Hain erwachen Lieder,Und die Oreade spricht:Deine Blumen kehren wieder,
55Deine Tochter kehret nicht.
„Ach wie lang ist’s, daß ich walleSuchend durch der Erde Flur!Titan, deine Strahlen alleSandt’ ich nach der theuren Spur!
60Keiner hat mir noch verkündet
Von dem lieben Angesicht,Und der Tag, der Alles findet,Die Verlorne fand er nicht.Hast du, Zeus, sie mir entrissen?
65Hat, von ihrem Reiz gerührt,
Zu des Orkus schwarzen FlüssenPluto sie hinabgeführt?
[221]„Wer wird nach dem düstern Strande
Meines Grames Bote seyn?
70Ewig stößt der Kahn vom Lande,
Doch nur Schatten nimmt er ein.Jedem sel’gen Aug’ verschlossenBleibt das nächtliche Gefild,Und so lang der Styx geflossen,
75Trug er kein lebendig Bild.
Nieder führen tausend Steige,Keiner führt zum Tag zurück;Ihre Thräne bringt kein ZeugeVor der bangen Mutter Blick.“
[222]"]}' id="mw2Q"> IV.
80Meine Schwiegermutter Ceres!
Laß’ die Klagen, laß’ die Bitten!Dein Verlangen, ich gewähr’ es –Habe selbst so viel gelitten!
Tröste dich, wir wollen ehrlich
85Den Besitz der Tochter theilen,
Und sechs Monden soll sie jährlichAuf der Oberwelt verweilen.
Hilft dir dort an SommertagenBei den Ackerbaugeschäften;
90Einen Strohhut wird sie tragen,
Wird auch Blumen daran heften.
[223]Schwärmen wird sie wenn den Himmel
Ueberzieht die Abendröthe,Und am Bach ein Bauerlümmel
95Zärtlich bläst die Hirtenflöte.
Wird sich freu’n mit Greth und HänschenBei des Erndtefestes Reigen;Unter Schöpsen, unter Gänschen,Wird sie sich als Löwin zeigen.
100Süße Ruh! Ich kann verschnaufen
Hier im Orkus unterdessen!Punsch mit Lethe will ich saufen,Um die Gattin zu vergessen.
[224]"]}' id="mwARo"> V.
„Zuweilen dünkt es mich, als trübe
105Geheime Sehnsucht deinen Blick –
Ich kenn’ es wohl, dein Mißgeschick:Verfehltes Leben, verfehlte Liebe!
„Du nickst so traurig! WiedergebenKann ich dir nicht die Jugendzeit –
110Unheilbar ist dein Herzeleid:
Verfehlte Liebe, verfehltes Leben!“