Harzreise im Winter

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

Dem Geyer gleich,Der auf schweren MorgenwolkenMit sanftem Fittich ruhendNach Beute schaut,

5Schwebe mein Lied.

Denn ein Gott hatJedem seine BahnVorgezeichnet,Die der Glückliche

10Rasch zum freudigen

Ziele rennt:Wem aber UnglückDas Herz zusammenzog,Er sträubt vergebens

15Sich gegen die Schranken

[194] Des ehernen Fadens,Den die doch bittre SchereNur Einmal lös’t.

In Dickichts-Schauer

20Drängt sich das rauhe Wild,

Und mit den SperlingenHaben längst die ReichenIn ihre Sümpfe sich gesenkt.

Leicht ist’s folgen dem Wagen,

25Den Fortuna führt,

Wie der gemächliche TroßAuf gebesserten WegenHinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits, wer ist’s?

30In’s Gebüsch verliert sich sein Pfad,

Hinter ihm schlagenDie Sträuche zusammen,Das Gras steht wieder auf,Die Öde verschlingt ihn.

35"]}' id="mwdg"> Ach wer heilet die Schmerzen

Deß, dem Balsam zu Gift ward?Der sich MenschenhaßAus der Fülle der Liebe trank!Erst verachtet, nun ein Verächter,

40Zehrt er heimlich auf

Seinen eignen WerthIn ung’nügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,Vater der Lieb, ein Ton

45Seinem Ohre vernehmlich,

So erquicke sein Herz!Öffne den umwölkten BlickÜber die tausend QuellenNeben dem Durstenden

50In der Wüste.

Der du der Freuden viel schaffst,Jedem ein überfließend Maß,Segne die Brüder der JagdAuf der Fährte des Wilds,

55Mit jugendlichem Übermuth

Fröhlicher Mordsucht,Späte Rächer des Unbilds,Dem schon Jahre vergeblichWehrt mit Knütteln der Bauer.

60"]}' id="mwvw"> Aber den Einsamen hüll’

In deine Goldwolken,Umgib mit Wintergrün,Bis die Rose wieder heranreift,Die feuchten Haare,

65O Liebe, deines Dichters!

Mit der dämmernden FackelLeuchtest du ihmDurch die Furten bey Nacht,Über grundlose Wege

70Auf öden Gefilden;

Mit dem tausendfarbigen MorgenLachst du in’s Herz ihm;Mit dem beißenden SturmTrägst du ihn hoch empor;

75Winterströme stürzen vom Felsen

In seine Psalmen,Und Altar des lieblichsten DanksWird ihm des gefürchteten GipfelsSchneebehangner Scheitel,

80Den mit Geisterreihen

Kränzten ahnende Völker.

Du stehst mit unerforschtem BusenGeheimnißvoll offenbarÜber der erstaunten Welt,

85Und schaust aus Wolken

Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,Die du aus den Adern deiner BrüderNeben dir wässerst.