Musen und Grazien in der Mark

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

Musen und Grazien in der Mark.

O wie ist die Stadt so wenig,Laßt die Maurer künftig ruhn,Unsre Bürger, unser KönigKönnten wohl was bessers thun.

5Ball und Oper wird uns tödten,

Liebchen! komm auf meine Flur,Denn besonders die PoetenDie verderben die Natur.

O wie freut es mich, mein Liebchen,

10Daß du so natürlich bist;

Unsre Mädchen, unsre BübchenSpielen künftig auf dem Mist!Und auf unsern PromenadenZeigt sich erst die Neigung stark,

15Liebes Mädchen, laß uns waten,

Waten noch durch diesen Quark.

Dann im Sand uns zu verliehren,Der uns keinen Weg versperrt!Dich den Anger hin zu führen,

20Wo der Dorn das Röckchen zerrt!

Zu dem Dörfchen laß uns schleichen,Mit dem spitzen Thurme hier;Welch ein Wirthshaus sonder gleichen!Trocknes Brot und saures Bier!

25 Sagt mir nichts von gutem Boden,

Nichts vom Magdeburger Land!Unsre Saamen, unsre Todten,Ruhen in dem leichten Sand.Selbst die Wissenschaft verliehret

30Nichts an ihrem raschen Lauf,

Denn bey uns, was vegetiret,Alles keimt getrocknet auf.

Geht es nicht in unserm HofeWie im Paradiese zu?

35Statt der Dame, statt der Zofe

Macht die Henne Glu! glu! glu!Uns beschäftigt nicht der Pfauen,Nur der Gänse Lebenslauf;Meine Mutter zieht die grauen,

40Meine Frau die weißen auf.

Laßt den Witzling uns besticheln!Glücklich! wenn ein deutscher Mann,Seinem Freunde, Vetter Micheln,Guten Abend bieten kann.

45Wie ist der Gedanke labend!

Solch ein Edler bleibt uns nah!Immer sagt man: gestern AbendWar doch Vetter Michel da.

Und in unsern Liedern keimet

50Sylb’ aus Sylbe, Wort aus Wort.

Ob sich gleich auf deutsch nichts reimet,Reimt der Deutsche dennoch fort.

Ob es kräftig oder zierlich,Geht uns so genau nicht an;

55Wir sind bieder und natürlich,

Und das ist genug gethan.