Sängerwürde

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

Unter diesenLorbeerbüschen,Auf den Wiesen,An den frischen

Wasserfällen,

Meines Lebens zu genießenGab Apoll dem heitern Knaben;Und so habenMich, im Stillen,

Nach des Gottes hohem Willen,

Hehre Musen auferzogen,Aus den hellenSilberquellenDes Parnassus mich erquicket,

Und das keusche reine Siegel

Auf die Lippen mir gedrücket,

Und die Nachtigal umkreißetMich mit dem bescheidnen Flügel;Hier in Büschen, dort auf Bäumen,

Ruft sie die verwandte Menge,

Und die himmlischen GesängeLehren mich von Liebe träumen.

Und im Herzen wächst die FülleDer gesellig edlen Triebe,

Nährt sich Freundschaft, keimet Liebe,

Und Apoll belebt die StilleSeiner Thäler seiner Höhen.Süße lauhe Lüfte wehen.Alle, denen er gewogen

Werden mächtig angezogen

Und ein Edler folgt dem andern.

Dieser kommt mit munterm WesenUnd mit offnem, heitern Blicke;Diesen seh ich ernster wandeln;

Und ein andrer, kaum genesen,

Ruft die alte Kraft zurücke,Denn ihm drang durch Mark und LebenDie verderblich holde Flamme,Und was Amor ihm entwendet,

Kann Apoll nur wieder geben,

Ruh und Lust und HarmonienUnd ein kräftig rein Bestreben.

Auf ihr Brüder,Ehrt die Lieder!

Sie sind gleich den guten Thaten.

Wer kann besser als der SängerDem verirrten Freunde rathen?Wirke gut, so wirkst du längerAls es Menschen sonst vermögen.

Ja! ich höre sie von weiten,

Ja! sie greifen in die Saiten,Mit gewalt’gen GötterschlägenRufen sie zu Recht und PflichtenUnd bewegen,

Wie sie singen wie sie dichten,

Zum erhabensten Geschäfte,Zu der Bildung aller Kräfte.

Auch die holden PhantasienBlühen

Rings umher auf allen Zweigen

Die sich balde,Wie im holden ZauberwaldeVoller goldnen Früchte beugen.

Was wir fühlen, was wir schauen

In dem Land der höchsten Wonne,

Dieser Boden, diese Sonne,Locket auch die besten Frauen;Und der Hauch der lieben MusenWeckt des Mädchens zarten Busen,

Stimmt die Kehle zum Gesange,

Und mit schöngefärbter WangeSinget sie schon würd’ge Lieder,Setzt sich zu den Schwestern niederUnd es singt die schöne Kette,

Zart und zärter, um die Wette.

Doch die eineGeht alleineBey den Buchen,Unter Linden,

Dort zu suchen,

Dort zu findenWas im stillen MyrrtenhaineAmor schalkisch ihr entwendet,Ihres Herzens holde Stille,

Ihres Busens erste Fülle,

Und sie träget in die grünen

Schattenwälder,Was die Männer nicht verdienen,Ihre lieblichen Gefühle,

Scheuet nicht des Tages Schwüle,

Achtet nicht des Abends KühleUnd verliehrt sich in die Felder,Stöhrt sie nicht auf ihren Wegen,Muse geh ihr still entgegen.

Doch was hör ich! Welch ein Schall

Ueberbraus’t den Wasserfall?Sauset heftig durch den Hain?Welch ein Lärmen, welches Schreyn?Ist es möglich! seh ich recht?

Ein verwegenes Geschlecht

Dringt ins Heiligthum herein.

Hier hervorStröhmt ein Chor!Liebeswuth,

Weinesgluth,

Ras’t im Blick,Sträubt das Haar!Und die Schaar

Mann und Weib –

Tigerfell

Schlägt umher –Ohne ScheuZeigt den Leib,Und Metall

Rauher Schall,

Grellt ins Ohr,Wer sie hörtWird gestöhrt,Hier hervor

Drängt das Chor,

Alles fliehtWer sie sieht.

Ach die Büsche sind geknickt!Ach die Blumen sind erstickt!

Von den Sohlen dieser Brut,

Wer begegnet ihrer Wuth?

Brüder, lasst uns alles wagen,Eure reine Wange glüht.Phöbus hilft sie uns verjagen,

Wenn er unsre Schmerzen sieht.

Und uns WaffenZu verschaffen,Schüttert er des Berges Wipfel,Und vom Gipfel

Prasseln Steine,

Durch die Haine.Brüder faßt sie mächtig auf!SchloßenregenStröme dieser Brut entgegen!

Und vertreib aus unsern milden,

Himmelreinen LustgefildenDiese Fremden, diese Wilden.

Doch was seh ich!Ist es möglich?

Unerträglich

Fährt es mir durch alle Glieder,Und die HandSinket von dem Schwunge nieder.Ist es möglich!

Keine Fremden!

Unsre BrüderZeigen ihnen selbst die Wege!O! die Frechen,

Wie sie, mit den Klapperblechen,

Selbst voraus im Tacte ziehn!

Gute Brüder laßt uns fliehn.

Doch ein Wort zu den verwegnenJa, ein Wort soll euch begegnenKräftig wie ein Donnerschlag.

Worte sind des Dichters Waffen,

Will der Gott sich Recht verschaffen,Folgen seine Pfeile nach.

War es möglich eure hoheGötterwürde

Zu vergessen!

Ist der roheSchwere Tyrsus keine Bürde,Für die Hand, auf zarten SaitenNur gewöhnet hinzugleiten?

Aus den klaren Wasserfällen,

Aus den zarten RieselwellenTränket ihrGar Silenens häßlich Thier.Es entweihet Aganippen

Mit den rohen breiten Lippen,

Stampft mit ungeschickten Füßen,Bis die Wellen trübe fließen.

O! wie möcht ich gern mich täuschen;Aber Schmerzen füllt das Ohr,

Aus dem keuschen,

Heiligen SchattenDringt verhasster Ton hervor.Wild GelächterStatt der Liebe süßem Wahn!

Weiber Hasser und Verächter

Stimmen ein Triumphlied an.Nachtigal und Turtel fliehenDas so keusch erwärmte Nest,Und in wüthendem Orgien

Hält der Faun die Nimphe fest.

Hier wird ein Gewand zerrissen,Dem Genusse folgt der Spott,Und zu ihren frechen KüssenLeuchtet mit Verdruß der Gott.

Ja ich sehe schon von weiten

Wolkenzug und Dunst und Rauch.Nicht die Leyer nur hat Saiten

Saiten hat der Bogen auch.Selbst den Busen des Verehrers

Schüttert das gewaltge Nahn,

Denn die Flamme des VerheerersKündet ihn von weiten anO! vernehmt noch meine StimmeMeiner Liebe Bruderwort!

Fliehet vor des Gottes Grimme,

Eilt aus unsern Grenzen fort!Daß sie wieder heilig werdeLenkt hinweg den wilden Zug.Vielen Boden hat die Erde

Und unheiligen genug.

Uns umleuchten reine Sterne,Hier nur hat das edle Werth.

Doch wenn ihr aus rauher FerneWieder einst zu uns begehrt,

Wenn euch nichts so sehr beglücket,

Als was ihr bey uns erprobt,Euch nicht mehr ein Spiel entzücket,Das die Schranken übertobt;Kommt als gute Pilger wieder,

Steiget froh den Berg heran,

Tief gefühlte ReueliederKünden uns die Brüder an.Und ein neuer Kranz umwindetEure Schläfe feyerlich.

Wenn sich der Verirrte findet

Freuen alle Götter sich.Schneller noch als Lethes FluthenUm der Todten stilles Haus,Löscht der Liebe Kelch den Guten

Jedes Fehls Erinnrung aus.

Alles eilet euch entgegenUnd ihr kommt verklärt heran,Und man fleht um euren Segen,Ihr gehört uns doppelt an!