Geistesgruß (Eichendorff)

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Geistesgruß.

IV.Nächtlich dehnen sich die Stunden,Unschuld schläft in stiller Bucht,Fern ab ist die Welt verschwunden.Die das Herz in Träumen sucht.

5Und der Geist tritt auf die Zinne,

Und noch stiller wird’s umher,Schauet mit dem starren SinneIn das wesenlose Meer.

Wer ihn sah bei Wetterblicken

10Steh’n in seiner Rüstung blank:

Den mag nimmermehr erquickenReichen Lebens frischer Drang. –

Fröhlich an den öden MauernSchweift der Morgensonne Blick,

15Da versinkt das Bild mit Schauern

Einsam in sich selbst zurück.

V.Vergangen ist der lichte Tag,Von ferne kommt der Glocken Schlag;So reis’t die Zeit die ganze Nacht,

20Nimmt manchen mit, der’s nicht gedacht.

Wo ist nun hin die bunte Lust,Des Freundes Trost und treue Brust,Des Weibes süßer Augenschein?Will keiner mit mir munter seyn?

25Da’s nun so stille auf der Welt,

Zieh’n Wolken einsam übers Feld,Und Feld und Baum besprechen sich, –O Menschenkind! was schauert Dich?

Wie weit die falsche Welt auch sey,

30Bleibt mir doch Einer nur getreu.

Der mit mir weint, der mit mit wacht,Wenn ich nur recht an Ihn gedacht.

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,Du Wasserfall mit Hellem Schall!

35Gott loben wollen wir vereint,

Bis daß der lichte Morgen scheint!