Ich habe einen Blick gesehn (Kraus)

Karl Kraus (1874–1936)

Ich habe einen Blick gesehn und werdean meinem letzten Tag ihm nicht entgehn.Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde,seitdem ich diesen Blick gesehn?

5"]}' id="mwEg">[53] An einer Lastenstraße, staubgeboren,

im Frühjahr allzu kümmerlich erblüht,steht ein Gesträuch, in eine Welt verloren,für die sich Gott vergebens müht.

Und vor dem Strauch ist eine Frau gestanden,

10und ich stand auch und sah nur ihren Blick.

Wie wurde mir! Wie hielt mit heiligen Bandenallhier ein Wunder mich zurück.

Der Blick, so arm, aus blassem Angesichte,verlebt, verdorrt von Marter, Mangel, Mühn —

15da wird vor so viel irdischem Verzichte

die ganze Welt auf einmal grün!

Was immer ihr das Leben vorenthalten,seit sie das Schicksal in das Dunkel wies:nun ist es da und vor dem Blick der Alten

20wird das Gestrüpp zum Paradies.

Kein Gärtner hütet zärtlicher die Reiserals diese Abendsonne dieses Blicks.Kein Himmelsstern grüßt gnädiger und weiserdie Fülle abgewandten Glücks.

25Ich habe einen Blick gesehn und werde

an meinem letzten Tag ihm nicht entgehn.Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde,seitdem ich diesen Blick gesehn?