Vor einem Springbrunnen (Kraus)

Karl Kraus (1874–1936)

Wie doch die Kraft das Wasser hebt!Es steigt und schwindet, schwillt und schwebt,es steht im Strahl, es kommt und fälltin diese nasse Gotteswelt,

5die zwecklos wie am ersten Tag

bloß ihrer Lust genügen magund von dem holden Überflußan keine Pflicht verstatten muß,

nur jener einen Macht sich beugt,

10die sie erschuf — zum Himmel steigt

ihr Dank, ein immer, früh und spät,unendlich rauschendes Gebet.

Das rauscht und raunt, das rinnt und renntim daseinsseligen Element;

15es fällt empor und steigt herab —

kalt ist die Sonne, heiß das Grab.

Und da es lebt, indem es stirbt,das Licht noch um das Wasser wirbt:Der Geist, dem solche Lust gefiel,

20dankt ihr ein Regenbogenspiel!

Ob auch die Schale überfließt,ob Alles sich in nichts ergießt:der Geist, der es besieht, gewinnt,und ob auch Lust und Zeit verrinnt.

25"]}' id="mwPA">[8] Und nichts besteht und Alles bleibt,

dem heiligen Geiste einverleibt,der nah dem Ursprung, treu und echtfortlebt dem heiligen Geschlecht.

Der Brunnen rauscht, nur ihm vertraut

30vom Jauchzen bis zum Klagelaut,

dem ewigen Ton, der ihm nur sagt,daß hier die Lust die Welt beklagt,

die ihre Lust zum Zweck verdarb,bis alles Licht des Lebens starb;

35die sich die eigene Liebe stahl

und sich bestraft mit Scham und Qual.

Noch fließt ein Quell, noch flammt ein Licht,noch streben beide zum Gedicht,noch steigt die Sehnsucht hoch empor,

40noch öffnet sich ein Himmelstor —

noch wär' ich auf dem Regenbogenbeinah mit dir dort eingezogen,daß nie verrinne Lust und Zeit.O schöne Überflüssigkeit!