Leiferde

Klabund (1890–1928)

[37]Leiferde.

Wir leben ganz im Dunkeln,uns blühen nicht Ranunkelnund Mädchen glühn uns nicht.Wir sind von Gott verworfen

5und unter Schmutz und Schorfen

ist unsre Brust mit Schwefel ausgepicht.

Der Rucksack, der ist leer,das Hirn von Plänen schwer,mit uns will’s niemand wagen.

10Wir finden Stell’ und Arbeit nicht,

der Hunger wie mit Messern stichtden Magen.

[38] Wir sind dahingezogen

durch Not und Kot und Dreck.

15Der Wind hat uns verbogen,

das Leben uns belogen,die Menschheit warf uns weg.

Wir wateten im Schlamm,wir kamen an den Damm,

20ein Zug flog hell vorüber,

ach, niemand rief: Hol über!Hol über!

Es tranken Kavaliereim Speisewagen Mumm.

25Wir sind nicht einmal Tiere,

uns wandern Herz und Niereziellos im Leib herum.

Den Klotz nun auf die Schienen,der Qualen ists genug,

30bald kommt der nächste Zug,

wir wollen was verdienen– und sei’s auch nur das Hochgericht.Wenn wir im Aether baumelnund zu den Sternen taumeln,

35sehn wir zum erstenmal das Licht –

das Licht.