Deutscher Abend

Kurt Tucholsky (1890–1935)

[72] Deutscher Abend

Nun gönnt die Firma stillen Abendfriedendem Arbeitsmann, den Mädels, dem Kommis –nun sitzt ganz Deutschland um den runden, liebengedeckten Tisch und sieht aufs Visavis.

5Da liegt das Land: ganz schwarz und blau und dunkel.

Es klirrt der Wind im Telegraphendraht.Ein gelbes Fenster grüßt dich mit Gefunkel:hier spielt der Förster seinen Dauerskat.

Man hebt die Zeitung, läßt sie wieder sinken,

10die Welt, ihr Lieben, geht den alten Lauf –

hieraufbezüglich kann man einen trinken,die Pfeife qualmt, nun steigt der Mond herauf.

Und hundert Mimen spreizen ihre Glieder,und hundert Bürger füllen sich mit Bier …

15Und hundert Mädchen summen kleine Lieder,

denn morgen, morgen muß er fort von hier.

O Herr, so wie wir hinieden krauchen,so segne Land und Leute und Kompott.Verlaß dich drauf: wir könnens brauchen,

20wir könnens brauchen, lieber Gott!