Geduld (Tucholsky)

Kurt Tucholsky (1890–1935)

GeduldDie großen, sanften Augen der Bauernpferde, diestill trottend ziehn; auf den Augenrändernund in den Augenwinkeln sitzt es schwarz vor Fliegen …Geduld –

5Der wie ein Paket geschnürte Hund, dem der Professor

Curare eingespritzt hat, nun kann er sich nicht bewegen, nur noch fühlen;sie haben ihm die Harnleiter durchgeschnitten, da liegt er.Studenten umgeben das prächtige Bild …Geduld –

10Der verheiratete Angestellte, der vor dem brummigen Chef steht,

zitternd, die Kündigung an den Kopf geworfen zu bekommen;der Mann hinter dem Schreibtisch fühlt sich: er hat auf einmalzwei Leben: das eigne und das des andern …Geduld –

15Der Proletarier im Holzschrein vor Gericht, wo unaufhörlich die

dreisten Ermahnungen des Richters kalt-spöttisch auf ihnheruntersausen …Geduld –

Das Fürsorgekind, das einer verwitweten Megäre in die Anstaltsfinger

20 gefallen ist; die braucht bei Männern keine Lust zu suchen,

sie hat die Kinder …Geduld –

Läutert Leiden? Welchen Sinn hat es?Was haben sie getan, mein Gott: das Pferd, der Hund,

25 der Angestellte, der Proletarier, das Fürsorgekind –?

Sind sie schuld?Woran sind sie schuld?Nimm ihnen die Geduld!Nimm ihnen die Geduld!

30 Nimm ihnen die Geduld –!