Die Predigt am Magdalenentage

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748–1828)

Die Predigt am Magdalenentage.

Ein Priester predigte am Tage MagdalenenVom Greuel ihrer ersten Lebensart;Doch ward nachher das Lob der SchönenOb ihrer Reu’ und Busse nicht gespart –

Nun fuhr der Redner zu den Damen,

Die vor ihm sassen, eifernd fort:»Wie viel sind unter euch, die mehr zu diesem OrtSich zu belustigen, als zu belehren kamen! –

Absonderlich ist eine unter euch,

Bei der hilft weder Droh’n noch Bitten –

An Leichtsinn und an losen SittenBleibt sie vielmehr sich immer gleich! – –

Wie heilig hat sie alle Jahr’Im Beichtstuhl Besserung versprochen –

Allein wie allzubalde war

Stets dies Gelübd’ gebrochen? –

Und da sie ihre Frechheit immerdarNoch gar vermehrt – wer kann’s verwehren,Wenn wir sie öffentlich beschwören? –

Das will ich jetzt auch thun! – Es ist – es ist –

Was meint ihr? soll ich namentlich sie nennen? –Ich sollt’ es freilich wohl – doch wisst – –Allein warum nicht? – Gut, ihr sollt sie kennen! –Vielleicht bringt dies zu ihrer Pflicht

Sie noch zurück – so leid mir’s thut, sie zu beschämen.

Es ist – doch – ohne Makel könnt’ ich nichtDen Namen nur auf meine Zunge nehmen! –Ich will sie drum auf andre Art der Welt

Kundmachen und an ihr das Strafamt schärfen.

Dort sitzt sie! – Wie sie sich nicht stellt! –

Jetzt werd’ ich mein Gebetbuch nach ihr werfen! –Gebt acht! – Gebt acht! auf wen es fällt!« – –

Indem er nun empor mit seinem Buche fuhr,War jede bange vor dem Falle,

Und jede bückte sich. –

»Verborbene Natur! –Ich dacht’, es wäre eine nur –Nun seh’ ich wohl – sie sind es alle!«