Geliebter Freund

Lili Grün (1904–1942)

Geliebter Freund

Du hast mir nun geschriebenUnd hast gefragt wie es mir gehtUnd was mit Arbeit ist und GeldverdienenUnd wie’s im Allgemeinen um mich steht.

5Du schreibst, ganz ohne Groll und Hader,Was du mir angetan, es soll vergeben seinUnd all mein Schmerz und meine bittren TränenIn Gottes Namen willst du dir verzeihen.

Du wohnst bei deinem Schwiegervater,

10Er nahm dich gerne auf in Kost und in Quartier …Ich find’ die Sache ja ein bißchen schäbig,Nicht einen Pfennig Mitgift gab er ihr.

Zum Schluß meinst du, ich soll dir Antwort schreiben,Natürlich nur in dein Geschäft,

15Denn deine junge Frau, sie könnte drunter leidenUnd wenn sie meinen Brief erwischt,Dann ging’s dir schlecht.

Geliebter Freund, ich hab’ dir nichts zu sagen:Denn du bist fremd und fern und alles ist vorbei.

20Ich hab’ dich sehr geliebt … es ist vorüber,Ich sprech’ nicht gern davon … kurz: Schwamm darüber!

Lili Grün.