Guidos Aurora

Karoline Marie Luise Brachmann (1777–1822)

Guidos Aurora.

Die Sonne steigt in Osten licht empor;Von goldnem schimmernden Gedüft umflossen,Schwebt Eos ihrem Wagen lächelnd vor;Der Himmel glüht mit Purpur übergossen.

5 Die stolzen Schaumbedeckten Rosse fliehn

Hoch über Wolken mit verhängtem Zügel,In Eos mildem lieblichen KarminVerklären sich die dunkeln Blumenhügel.Fern bricht sich auf des Meeres düsterm Blau

10Nur dämmernd noch ihr sanfter Purpurschimmer,

Aus ihren Locken träufelt frischer Thau,Die Sterne fliehn mit sterbendem Geflimmer.Sie sieht zurück, der Sonne goldnen GlanzStrahlt heller noch ihr schönes Antlitz wieder,

15Die jungen Horen streun im leichten Tanz

Bethaute Blumen auf die Gegend nieder.O Guido, welche Götterkraft ist dein!Welch eine Glut! wie lächeln die Gefilde!Die Göttin selbst entzückt vom Wiederschein

20Der eignen Gottheit weilte vor dem Bilde.

So hat noch nie mit zauberischer MachtDes Pinsels Glut zum Himmel uns erhoben,So sanft aufs dämmernde Gewand der NachtDes Morgens lichte Rosen nie gewoben.

25 Für den Geliebten bat an Jovis Thron

Die Göttin einst ein ewig neues Leben;O Guido, dir hat, eh sie flehte, schonAurorens Bild Unsterblichkeit gegeben.