Korn und Wein
[281]Korn und Wein.
I. Blütezeit.
Nun blüht das Korn, nun blüht der Wein,All um ein lieblich Düften,Man atmet lauter Segen einIn linden Abendlüften.
5Noch blüht das Korn, noch reift es nicht,
Will selbst sich duftend weihen,Durchglüht vom warmen SonnenlichtDen Segen prophezeien.
Wir bitten all um täglich Brot –
10Doch doppelt ist’s gesegnet,
Wenn uns im Juni-AbendrotDer Aehren Duft begegnet
Wir trinken ihn mit Wonne ein:Der blüh’nden Aehren Küssen
15Soll unserm Leben heilsam sein –
So will im Volk man wissen.
[282]O Volkesglaube rein und gut!
Nur der ist reich zu nennen,Dem Blüten geben Hoffnungsmut,
20Eh’ noch die Frucht zu kennen.
Auch an der Rebe zart und dichtHervor die Träubchen sprießenUnd golden sich im SonnenlichtDie Blüten schon erschließen.
25Sei mir gegrüßt du Aehrenfeld,
Mit deinen leisen Wogen,Samt deiner blauen Blumenwelt,Die sich hinein verflogen,
Ein Duft, berauschend süßer Art
30Durchzieht die Rebengänge,
Des Sommers nahe GegenwartFügt sich zum Lenzgepränge.
O schöne Zeit! es blüht der WeinBeim Sang der Nachtigallen,
35Und wenn im gold’nen Sonnenschein
Die Lerchenlieder schallen.
Und daher stammt die LiederlustWenn später im PokaleDer Wein erfreut der Menschen Brust,
40Belebt mit einem Male.
[283]Und grüßt dann die Erinnerung
An Zeiten, da er blühte,So schafft sie die Begeisterung,Die nur für Höchstes glühte.
45So mag des rechten Lebens Born
Denn in uns übergehen:Drum sei gesegnet Wein und Korn,Wenn wir Dich blühen sehen.
II. Erntetage.
Verblüht ist längst so Korn als Wein!
50Der Aehren golden Glänzen
Lädt schon der Schnitter Scharen einZu frohen Erntetänzen.
Zur Arbeit, wie zur Freude ruftDer Sommer allerwegen,
55Und Vogelsang und Blumenduft
Verschönen seinen Segen.
Bald aber streift ein kühler WindOb leeren Stoppelfeldern,Die Vöglein still geworden sind
60In Büschen und in Wäldern.
[284]Die Traube nur noch glüht und schwillt
Langsam im Rebengarten,Es läßt des Herbstes schönstes BildGern lange sich erwarten.
65Wer möchte tadeln sie darum?
Ist erst auch sie genommen,Dann wird es einsam um und um,Dann droht des Winters Kommen.
Dann sind die Vöglein all’ verjagt,
70Die Schwalben fortgeflogen,
Des Laubes Fallen traurig klagt,Von Rot und Gold durchzogen.
Drum segnen wir die letzte FruchtAls köstlichste von allen,
75Von sonn’ger Höhe bis zur Schlucht
Ihr Dankeslieder schallen.
Ob’s „Herbsten“ heißt im Volkesmund,Ob „es wird Wein gelesen“,Es thut sich allwärts jauchzend kund
80Ein frisch und fröhlich Wesen.
Und weithin durch die Lüfte dröhnt’sAus Flinten und aus Böllern.Anwortend glänzend noch verschönt’sBuntfeuer von den Söllern.
85[285]Das ist die letzte Erntezeit –
Wenn Trauben Most geworden:Dann hängt der Herbst sein buntes KleidStill an des Winters Pforten.
Doch Scheuern, Keller heimsten ein
90Des Sommers höchste Gaben:
So sei gesegnet Korn und Wein,Wenn wir geerntet haben.
Gesegnet sei in Blüt’ und FruchtVor allen Gottesgaben!
95Mag nun des Winters Sturm und Wucht
Das letzte Blatt begraben.
Gab uns der Sommer doch genugSein Scheiden zu ertragen;Erinnerung und Geistesflug
100Verscheuchen alle Klagen.