Romantik (Louise Otto)
[230]Romantik.
Der Mond im SilbernachenDurchzieht die blaue Flut,Er scheint allein zu wachenWo alles schlummernd ruht.
5Im Hain und auf den Auen
Erglänzt sein magisch Licht,Wo helle Tropfen tauenEin Baum zum andern spricht:
„Das ist die Geisterstunde,
10Schon naht die Mitternacht!“
Da sind im WaldesgrundeDie Elfen aufgewacht.
Sie tanzen ihren ReigenAuf Teppichen von Moos,
15Und lösen von den Zweigen
Wohl Blüt’ um Blüte los.
Das ist ein fröhlich LebenIm hellen Mondenschein,Sie hüpfen und sie schweben
20Voll Lust waldaus und ein;
[231]Bis daß am Himmelsrande
Versinkt des Mondes Kahn,Und krähend weckt die LandeMit Morgengruß der Hahn.
25Die Elfen fliehn erschrocken
In Erd’ und Felsenspalt –Der Nebel sinkt in FlockenAuf ihr Versteck im Wald. –
Das ist dein Los ja heute
30Romantik, Elfenland!
Du wardst des Tages Beute,Dein süßer Zauber schwand.
Und wer ihn noch will hegen,Der muß von hinnen fliehn,
35Auf tief verborgnen Wegen
In’s Land der Elfen ziehn,
Denn sie sind nicht gestorben,Sie leben fort und fort,Sie hüten unverdorben
40Noch ihren Wunderhort.
Allein nur den GeweihtenErschließen sie den Pfad –Wie ist ein Reich zu neiden,Dem kein Profaner naht!