Das unheimliche Wesen

Maximilian Bern (1849–1923)

Das unheimliche Wesen.

In mannigfaltiger GestaltTreibt heimtückisch sein WesenEin Ungetüm, von dem im BrehmUnd Häckel nichts zu lesen.

5Ganz harmlos ist es äusserlich,

Obwohl es reich an Mängeln;Mit ihm verglichen ähneln selbstDie Raubtiere noch Engeln.

Oft scheint es zahm . . doch trau’ ihm nicht!

10Denn – heuchelt es auch Treue,

Urplötzlich wieder überfälltEs grundlos dich auf's neue.

Es freut sich, wenn dir was misslingt,Und hat Erfolg dein Streben,

15Dann knurrt es, brächte gerne dich

Um jedes Glück im Leben.

Es gönnt dir nichts auf weiter Welt,Nicht Ehre und nicht Habe, –Verfolgt geheim mit seinem Hass

20Dich bis zu deinem Grabe.

Ja, selbst bei deinem NekrologWird oft sein Neid nach rege.Das unheimliche Wesen heisst –Recht treuherzig: Kollege.