Der Welfenfonds

Rudolf Lavant (1844–1915)

Der Welfenfonds.

(1891.)

Weil auf sein Land, das ihm der Krieg genommen,Rechtlich Verzicht der alte, blinde KönigIn starrem Welfentrotze nie gethan,Behielt man sein Privatvermögen inne

Und hob es für ihn auf, bis mürb’ geworden

Des alten Herrn und seines Sohnes Sinn.Da niemals Frieden er mit Preußen schloßUnd selbst mit seiner Welfenlegion„Soldaten“ spielte, wie er das gewohnt,

Beschloß man, an den Zinsen ihn zu strafen

Und sie nicht mehr zum Kapital zu legen,

Vielmehr zur Abwehr seiner bösen RänkeUnd Machenschaften diesen ZinsbetragNach eigner Einsicht bestens zu verwenden.

Zunächst bestand im Land Hannover selbst

Die löbliche Verwaltungs-KommissionUnd wenn die Kosten der Verwaltung manNebst den Beschlagnahms-Kosten voll gedeckt,So überreichte der Finanzminister

Den Rest dem Herrn Ministerpräsidenten,

Der damit schaltete, wie ihm gefiel.Dafür, daß die Verwendung richtig warUnd der Beschlagnahmsordnung voll entsprach,Trug die Verantwortung er ganz allein.

Alljährlich legte er persönlich Rechnung

Dem König ab, wies die Verwendung nachUnd eine Ordre aus dem KabinetHieß die Verwendung gut. Die Ordre legteMan zu den Akten, die Belege aber

Verbrannte man und ihre Asche streute

Man in die Lüfte. Nirgends steht geschrieben,Wo all das schöne Welfengeld geblieben.

* * *Man kann vermuthen nur; ein mattes LichtFällt ab und zu in diese tiefe Nacht.

Daß ein Minister für den Schwiegervater,

Mit dem es übel steht, durch BürgschaftsleistungGetreulich eintritt, ist ein hübscher Zug;Daß er, als man den Bürger würgen will,Nicht zahlen kann, ist hübsch nicht, doch begreiflich,

Denn dreimalhundertfünfzigtausend Mark

Kann man sich am Gehalte nicht ersparen,Selbst wenn man preußischer Minister ist.Da treten Freunde ein für den Bedrängten,Der seine Lage ihnen offenbart;

Der Rummel wird bezahlt und eines Tages

Erscheint der Herr MinisterpräsidentBei dem Minister; mit lakonischem„Von Majestät!“ reicht dar er ein PacketUnd aus der Hülle des Packets spazieren

Die dreimalhundertfünfzigtausend Mark.

Gerührt von solcher königlichen Gnade,Beugt der Minister ehrfurchtsvoll sein Haupt –Und auf den ganzen wunderlichen HandelKam nie mit einer Silbe man zurück.

Erst jetzt geräth die Welt auf die Vermuthung,

Daß unser braver Welfenfonds gewesenDer königliche Spender; zu beweisenWird es kaum sein – ist der Belege AscheIn alle Winde lange doch verweht!