Geisterspuk

Rudolf Lavant (1844–1915)

Geisterspuk.

Ich habe schwer geträumt die lange Nacht.Ich ward geführt vom mächt’gen Gott der TräumeDurch langer Säulengänge Marmorpracht.In eines fürstlichen Palastes Räume.

5In weiche Kissen sank ich müde dann,

Zu rasten in der Herrlichkeit auf Stunden,Und neidenswerth schien mir ― im Traum ― der Mann,Der hier sein Heim, sein sich’res Heim gefunden.

Von seinem Duft, Gesang und Harfenlaut

10Ward wie von weichen Wellen ich getragen

Und zu der Decke hab’ ich aufgeschaut,Gedankenlos, in köstlichem Behagen.Da schlug urplötzlich mich in seinen BannEin tödtliches, entsetzliches Erschrecken,

15Denn Staub und Kalk und loser Mörtel rann

Und rieselte herab in allen Ecken.

Wohl klang sie fort, die Stimme weich und tief,Beschwichtigend mit Nachtigallentönen,Doch durch die Mauern des Palastes lief

20Wie Knistern es und dumpfes Balkenstöhnen.

Und ab und zu ein Splittern scharf und kurz,Von Wellen des Gesanges überflossen!Wie nahe war, wie ferne noch der SturzDes goldnen Bau’s, in dem ich eingeschlossen?

25Und athemlos, mit schreckensbleichem Mund

Rang ich umsonst danach mich zu erheben,Denn von der höchsten Zinne bis zum GrundErschütterte den stolzen Bau ein Beben.Dem Schauern welken Laubs sein Zittern glich

30Und Glied auf Glied schien man ihm auszurenken

Und wie der Wände Stütze wankend wich,Schien seine Decke sich herabzusenken.

Und ob er mühsam Halt und GleichgewichtIn wildem Krampfe sich zurückgewonnen ―

35Gerettet schien er mir noch lange nicht,

Nur einer Form des Untergangs entronnen.Noch immer schmeichelte das Lied dem Ohr,Doch hört’ ich über mir der Flammen WehenUnd taumelnd sprang vom Lager ich empor,

40Um dem Verderben flüchtend zu entgehen.

Ich schluckte Rauch mit jedem Athemzug;Grau durch die Hallen wälzten sich die Massen,Als zum Portal der irre Fuß mich trug,Doch sollt’ ich nicht den Schreckensort verlassen,

45Denn trübe Fluth nur sah ich ringsumher

Und nirgends war ein Retter zu errufen,Und dieses düstre, weißbeschäumte MeerBespülte gierig schon die ersten Stufen.

Da, in der höchsten Noth bin ich erwacht,

50Bevor die Trümmer in der Fluth versanken,

Und wie durch Zauber wich der Spuk der Nacht,Der nur ein Widerspiel der Taggedanken.Denn was in buntem Bilde nur der Traum,Der quälende, gezeigt, daß rasch es schwinde ―

55Es ist kein Tag, ja eine Stunde kaum,

Da ich es nicht als Wirklichkeit empfinde.R.L.