Das rothe Kreuz

Rudolf Gottschall (1823–1909)

Das rothe Kreuz.Und wieder geht ein großes SterbenVon Volk zu Volk und bitt’re Noth;Auf Feuerrossen jagt Verderben,Auf fahlem Roß der bleiche Tod.Wie Blätter bei der Stürme TosenWehn Menschenleben in den Staub;Kein Sarg, geschmückt mit Kreuz und Rosen,Verbirgt des Todes schnellen Raub.Von Bretterwänden ungeschiedenDas Irdische zur Erde geht;Für Hundert eines Grabes FriedenDoch eine Thräne, ein Gebet.Und wie der Schlachten DonnerwolkeAuch durch die Blutgefilde tost –Es neigt zum blitzgetroff’nen VolkeErbarmen sich und milder Trost.Hoch über aller Völker FahnenSchwingt sein Panier der Menschheit Bund.Es winkt in schön’rer Zukunft BahnenDas rothe Kreuz auf weißem Grund.

Zu Helden spricht das Kreuz von Eisen,Das auf dem Grab der Väter steht.Das Volk wird ihre Thaten preisen,So lang’ es selbst um Siege fleht;Solang’ die Zeiten groß und stählernUnd stolz sich ein Geschlecht erhebt,Das aus den alten HeldenmälernZu neuem Kampf die Schwerter gräbt.Das Eisenkreuz der neuen SparterFlammt in des Ruhmes Sonnenschein;Ein andres Kreuz, das Kreuz der Marter,In tiefem Schatten steht’s allein;Es hat die ew’ge DornenkroneDes Schmerzes Heiligthum geweiht;Doch einen Kranz von süßem MohneHängt drüber die Barmherzigkeit.Hoch über aller Völker FahnenSchwingt sein Panier der Menschheit Bund.Es winkt in schön’rer Zukunft BahnenDas rothe Kreuz auf weißem Grund.

Die Sterne stehn wie GrabeskerzenKalt an des Himmels offner Gruft,Wenn laut der Schrei hülfloser SchmerzenVom blut’gen Feld der Schlachten ruft.Das Abendroth hat freud’gen SchimmerUnd gold’nes Lächeln schmückt die FlurUnd süße Zauber webt wie immerDie unerbittliche Natur.Du aber pflege schwere WundenUnd spende Trost zu jeder Zeit,Und üb’ in schönen WeihestundenDen reinen Dienst der Menschlichkeit,Und trock’ne der Verwaisten Zähren,Und lind’re der Verlass’nen Noth,Und jeden Schmerz mögst du verklären,Der Liebe heilig Aufgebot !Hoch über aller Völker FahnenSchwingt sein Panier der Menschheit Bund.Es winkt in schön’rer Zukunft BahnenDas rothe Kreuz auf weißem Grund.

Herbei, ihr Ritter des Johannes,Ihr Jünger, die das Kreuz nicht schmückt.Es schändet nie den Stolz des Mannes,Wenn er zum Opferdienst sich bückt.Herbei, ihr holden PflegerinnenMit sanftem Aug’ und thät’ger Hand!Hier gilt’s nicht Herzen zu gewinnen,Nur Balsam für der Wunden Brand.Und eine Last wird das Behagen,Der Athemzug so froh und leicht,Wenn von der Brüder schweren TagenDie Kunde unser Ohr erreicht.O mögt ihr lindern, opfern, spenden,Mit Herz und Hand, mit Hab’ und Gut!O lernt für’s Vaterland verschwenden –Ihr habt ja Thränen nur für Blut!Hoch über aller Völker FahnenSchwingt sein Panier der Menschheit Bund.Es winkt in schön’rer Zukunft BahnenDas rothe Kreuz auf weißem Grund.Rudolf Gottschall.