Hermann Lingg (Gottschall)
„Von Aegyptens PyramidenBis zu Delphis Priesterin,Bis zu Ganges’ TempelfriedenHerrsche einer Lehre Sinn:Trost zu spenden, Schmerz zu lindern,Licht zu wecken weit und breit,Freiheit allen Erdenkindern,Freiheit, Liebe, Menschlichkeit.“
„Und zu ihnen kommt, wer flüchtig aus der Heimath irren muß,Wen die Menschheit ausgestoßen, oder Lebensüberdruß;Elternlose, bleiche Kinder, schuldlos wie im Paradies,Die kein Vaterland mehr haben, die das eigne Blut verstieß.
Dahin kommen stolze Frevler, Geister, die zu kühn und großAllzufrüh vom sichern Ufer banden ihre Schiffe los,Abgehau’ne Heldenzweige eines einst berühmten Baums,Träumer, die zu tief geschlafen auf den Kissen ihres Traums.“
„Da plötzlich ruft ein Laut mich wach,Ein Erzgedröhn auf nahen Gleisen –Ich steh’ am Kreuzweg; hier durchbrachDen Römerpfad der Pfad von Eisen.
Und donnernd rollt der WagenzugVorbei den alten Meilensteinen,Wie Blitz des Zeus und Geisterflug,Der Erde Völker zu vereinen.“
Es war eine sternenlose,Von Blitzen schwang’re Nacht,Da ist die wilde RoseZum vollen Blüh’n erwacht.
Da kamst du still gegangen,Da flogst du auf mich zu:Ich hielt dich jubelnd umfangen,Du wilde Rose du!
Es fiel kein Thau, kein Regen,Die Donner rollten fern,
15Es war kein Heil, kein Segen,
Kein Glück für uns, kein Stern.
Und durch die regungslose,Gewitterschwüle LuftErgoß die wilde Rose
20Allein noch süßen Duft.“
„Schwüle, schwüle Julinacht –Südwind küßt die Zweige.Was dich so stolz und elend macht,Schweige, mein Herz, verschweige!
5Ueber den See, der stille ruht,
Wehen die Wolkenschatten,Ueber die stille schlafende Fluth,Ueber die schimmernden Matten.
Hörst du’s, wie zur Hochzeitnacht
10Flöte tönt und Geige?
Was dich so stolz und elend macht,Schweige, mein Herz, verschweige!“
„Ihr Armen mit dem dürren Stab,Der nimmer grünt und blühet,Ihr geht die Erde aus und ab,Verzehrt und abgemühet;
5Ihr hoffet keinen Sonnenschein
Und fürchtet keinen Regen;Gedeiht das Korn, geräth der Wein,Für euch ist’s doch kein Segen.Das Jahr sei noch so früchtereich,
10Bleibt euer Elend doch sich gleich.
Wann esset ihr euch satt an Brot?Ja, wenn die Steine blühen! –Ihr säet Müh’ und erntet NothUnd euer Feld sind Mühen.
15Mit Distel, Dorn und Hagebutt
Blüht’ euer Garten immer,Und euer Weinberg steht auf SchuttUnd euer Gold ist Glimmer;Mit Wolken deckt die Nacht euch zu,
20Und Staub und Thau sind eure Schuh.“