Ostern (Gottschall)

Rudolf Gottschall (1823–1909)

Ostern! Ueber fernen HügelnTaucht empor dein erster Strahl;Auf der Morgenröthe FlügelnSchwebst du über Berg und Thal;

Frischer rauscht im Wald die Quelle

Und des Bachs geschwätz’ge Welle,Plaudernd mit dem Felsgestein,Und es taucht die AnemoneIhre luft’ge Blüthenkrone

In der Frühe goldnen Schein.

Und die Knospen werden rege,Und das Blatt die Hülle sprengt,Und im waldigen GehegeAlles sich zum Lichte drängt.

Nun entbrennt auf deinem Herde

Die erlosch’ne Gluth, o Erde,Die aus deinen Tiefen bricht.Deine Lenze kehren wieder,Deine Blumen, deine Lieder,

Aber deine Todten nicht.

Deine Todten, tiefgeborgenIn dem mütterlichen Schoß!Selbst am AuferstehungsmorgenGiebst du nicht die Deinen los.

Ach, mit ihnen hat die Klage

Goldne Träume künft’ger Tage,Schönes Hoffen aufgebahrt!Noch hat keine SonnenwendeHeißer Thränen Opferspende

Trostlos Trauernden erspart.

Doch die Welt ist licht und offen,Und es naht ein schön’rer Tag!Laßt uns glauben, laßt uns hoffen,Daß er bald erscheinen mag!

Ja, ein künft’ges Ostern kröne

Alles Gute, alles Schöne,Wälze von der Gruft den Stein,Daß die Menschheit aufersteheAus dem tausendjähr’gen Wehe,

Glücklich, edel, frei und rein!