Waldweg

Theodor Storm (1817–1888)

Durch einen Nachbarsgarten ging der Weg,Wo blanke Schleh’n im tiefen Grase standen;Dann durch die Hecke über schmalen StegAuf eine Wiese, die an allen Randen

Ein hoher Zaun vielfarb’gen Laub’s umzog;

Buscheichen unter wilden Rosenbüschen,Um die sich frei die Geißblattranke bog,Brommbergewirr und Hülsendorn dazwischen;Vorbei an Farrenkäutern wob der Eppich

Entlang des Walles seinen dunklen Teppich.

Und vorwärts schreitend störte bald mein TrittDie Biene auf, die um die Distel schwärmte,Bald hörte ich wie durch die Gräser glittDie Schlange, die am Sonnenstrahl sich wärmte.

Sonst war es kirchenstill in alle Weite,

Kein Vogel hörbar; nur an meiner Seite

Sprang schnaufend ab und zu des Oheims Hund;Denn nicht allein wär’ ich um solche ZeitGegangen zum entlegnen Waldesgrund;

Mir graute vor der Mittagseinsamkeit. -

Heiß war die Luft, und alle Winde schliefen,Und vor mir lag ein sonnig off’ner Raumwo quer hindurch schutzlos die Steige liefen.Wohl hatt’ ich’s sauer und ertruge es kaum;

Doch rascher schreitend überwand ich’s bald.

Dann war ein Bach, ein Wall zu überspringen,Dann noch ein Steg, und vor mir lag der Wald,In dem schon herbstlich roth die Blätter hingen.Und drüber her hoch in der blauen Luft

Stand beutesüchtig eine gewalt’ger Weih’,

Die Flügel schlagend durch den Sonnenduft;Tief aus der Holzung scholl des Hähers Schrei.Himbeerenduft und TannenharzgeruchQuoll mir entgegen schon auf meinem Wege,

Und dort im Walle schimmerte der Bruch,

Durch den ich meinen Pfad nahm ins Gehege.Schon streckten dort gleich Säulen der KapelleAns Laubgewölb’ die Tannenstämme sich;

Dann war’s erreicht, und wie an Kirchenschwelle

Umschauerte die Schattenkühle mich.