Pfingstoffenbarung

Victor Blüthgen (1844–1920)

Pfingstoffenbarung.

Welch ein wonnesames WebenRührt mich herzbewegend an?Geist der Pfingsten, fühlt mein LebenWieder sich in deinem Bann?

Wie sich Blüthenäste beugen,

Und der Windhauch Farben schneit!Weckst du wieder deine ZeugenHoher Geist der Herrlichkeit?

Ach, das war ein schläfrig Träumen,

Unbefriedigt, glaubensmüd’,

Unter starren WinterbäumenOhne Blatt und ohne Lied:Bis der Lenzgewitter MahnenGing vor deinem Siegeslauf

Und der Hoffnung grüne Fahnen

Pflanzten laue Lüfte auf.

Und nun brennt’s auf dunklen Schollen,Lodert’s in der Aeste Grün:Plötzlich muß mit wundervollen

Flammen dein Geheimniß glüh’n;

Jedem Veilchenkelch entrungen,Schwimmt es in die Welt als Duft,Und der Tulpen FeuerzungenRufen’s in die weiche Luft:

„Selbstisch Brüten, kühles Streben

Macht dich nicht vom Staube frei;Liebe heißt das ew’ge Leben,Das die Ketten bricht entzwei.Liebe will dir Wunder zeigen,

Die du schlummernd in dir trägst;

Höchstes Glück wird nur dein Eigen,Wenn du Liebesarme regst.“

Die Jehova sich vertrauten,Die verbannt vom Tempelthor –

Jedem mit der Heimath Lauten

Klingt die Botschaft in das Ohr,Und die Herzen, sie begreifen’s;Augen schau’n sich selig an;Tausend kleine Vögel pfeifen’s:

Daß der Himmel aufgethan.

Durch die Seelen wogt ein Wallen,Wie ein Rausch von jungem Wein;In die schönen WunderhallenZieh’n die gläub’gen Schaaren ein,

Und es wirkt verjüngten Strebens

Jeder, was der Sinn ihm weist:Also schickt der Herr des LebensPfingsten seinen heil’gen Geist.

Victor Blüthgen.