Kubleh
Die dunkeläug’gen Wüstenkinder triebenZusammen ihre Heerden für die Nacht.Die Zelte wurden abgesteckt; es bogenDie müden Dromedare ihre Hälse,Demüthig bittend knieten sie im Sand.Die Jäger theilten bei dem LagerfeuerDie Beute von der Jagd am Tigrisufer,Und all der bunte Lärm des Abends tönteIm Schammarlager rings. Die kühle LuftFlog auf den weichen, thaugetränkten SchwingenDurch’s blühende Gefilde; und wie nunDer Schnee der Kurdenberge in dem StrahlDer Sonne rosig glühte, hob sich abVom safranfarbnen Westen breit und schwarzDer alte Hügel Nimrod’s. Dunkler wurdenDie blauen Schatten, und die Sterne kamenIm Purpuräther schwimmend. AllgemachEntflammten rings die rothen Lagerfeuer.Die dämmrigen Gestalten schlanker PferdeUnd bärt’ger Reiter huschten an den ZeltenVorbei mit wirrem Schrein und hast’gen RufenUnd ungeduld’gem Wiehern. Kinder rannten,Den Zaum zu halten, während jeder ReiterDie Lanze in die Erde trieb, sein RoßVor seiner Thür zu fesseln. In der MitteStand Schammeriyah – frei von jedem Band –Das Füll’n der stolzen Kubleh, und dem ScheikhViel theurer, als die schönste Odaliske. –Doch als das Mahl beendigt, heller strahltenDie Feuer und das Hundebellen schwieg;Als Schammarjäger mit den Knaben saßen,Die Waffen reinigend – kam Alimar,Des Stammes Dichter, dessen LiebesliederNoch süßer als Bassora’s Nachtigallen, –Deß Kampfgesänge schon den WüstenkindernEin halber Kampf – wer kennt nicht Alimar?Die Männer baten: „Dichter, sing’ von Kubleh!“Und Knaben legten hin die Messer, baten:„Sing uns von Kubleh, die wir niemals sahn,Der schönen Kubleh!“ Und sie drängten sichMit glüh’nden Augen um das Lagerfeuer,Als Alimar im Angesicht der SterneJetzt sang den Wüstenkindern:„Gott ist groß!O, Araber, seitdem Mohammed rittAus Yemens Sande und vor Mekka’s ThorDas Flügelroß bestieg, deß FlammenmähneZur Sonne aufschlug, als auf Allahs RufEs den Propheten trug zum hohen Himmel,War keins gleich Kubleh – Sofuks stolzem Roß.Nicht die milchweißen Hengste, deren HufeDas Feuer schlug aus Bagdad’s Marmorställen,Die durch den schimmernden Bazar stolzirten,Am Purpurzaum gelenkt von Raschid’s Hand;Noch jenes Streitroß von mongol’scher Zucht,Das durch die halbe Welt trug Tamerlan;Noch jene flücht’gen Renner, die vor ZeitenAus Ormuz brachten schwarze IndierZu Persiens Kön’gen – Füllen heil’ger Stuten,Die sich vermählt den stolzen Wellenrossen!
Wer nannte je im ganzen WüstenlandDie vielen Thaten Kubleh’s? wer erzählte,Woher sie kam! wer ihre Ahnen waren?O Araber, ein Märchen Scherezade’s,Gehört im Lager, wenn die LanzenschäfteIhr prüft am Abend einer heißen Schlacht,Ist die Geschichte unsrer schönen Kubleh.
Fern in des Südens Wüste, sagt man sich,Fand Sofuk sie bei einer hohen Palme.Es war versiecht der Quell; ihr rastlos AugeGeröthet – hohl; die schlanken, jungen GliederVom Durst erschlafft. Er hemmte sein Kameel,Und als es kniete, band er ab den Schlauch;Und da das Füll’n getrunken, folgt es ihm –Deshalb durft’ Sofuk nur den Sattel gürtenUm ihren Leib, und mit dem Kopfputz schmückenIhr glänzend Haupt, das kein Gebiß ertrug –Selbst nicht von ihm; sie war so stolz, wie er.
Ihr Wuchs war schlanker in der leichten Anmuth,Wie einer Bajadere, wenn der TanzDen Gürtel lockert und die weißen KnöchelHell schimmern aus dem fließenden Gewand;Stets hob sie hoch den feinen, freien Kopf;Das Stirnhaar wehte zwischen ihren Ohren,Den dünnen, hell-durchsicht’gen, seidenweich.Der Nüstern Bogen, rund und weit gezogen,Sog ein den Wüstenwind; ihr schöner HalsGekrümmt zur Schulter, wie des Adlers Flügel;Die wunderbaren Linien ihrer FlankenUnd Glieder wie geformt aus weicher LuftVon Geisterhänden. Wenn der Schlachtruf tönteVon Zelt zu Zelt, erglänzten ihre AugenBlutroth, wie ein Rubin – ihr helles WiehernKlang wilder, schärfer, als der Speere Klirr’n.
Der Tigris und die Wüste kannten sie;Trug sie nicht Sofuk vor den SchammarkriegernZum Kampfe mit den Gebern, die nicht harrten,Willkommen ihr zu bieten? Sah der Kurde,Als wir den frechen Eindringling verjagten,Nicht ihre Hufspur in der Berge Schnee?Leicht wie die dunkeläugige GazelleAuf steilen Klippen, über jähe SchlündeAuf Sindjar’s Hügeln überholte sieDen wilden Esel in der vollen Flucht.Durch manches Kampfgetümmel stürmte sieRauchend von Schweiß und Staub, und fesseltiefIm dicken Blute. Wenn der FeuernebelDie Sonne roth verhüllte, jagte sieHer vor der Trombe, bis im Sturm die MähneSich wirbelnd drehte, während die KameeleStöhnend und hülflos auf dem Sande lagen.
Der Taurus und Cirkassien kannten sie;Georgiens Fürsten hörten ihr GewieherVor Tiflis’ Wällen. Auf dem Libanon,Dem Alten, schirmten sie die heil’gen Cedern,Als sie mit Sofuk schlief in ihrem Dunkel;Die Woge Trebizond’s umspülte sie,Als sie vom Ufer sah das weiße Segel,Das heim ihn trug von Stambul. Nie,O Araber, gab es der Kubleh Gleichen.
Und Sofuk liebte sie; sie war ihm mehr,Als alle seine üpp’gen Odalisken.Vor seinem Zelte stand sie lange Jahre,Der Stolz des Stammes. – Endlich starb auch sie, –Starb, als das Feuer noch in ihren Gliedern,Starb für das Leben Sofuk’s, den sie liebte.Die falschen Gebern – Allah’s Fluch auf sie! –Verlegten einst den Pfad ihm, fern vom Lager,Und hätten ihn getödtet, wär’ nicht KublehGesprungen gegen ihre Speere. Sie durchbrechendGewann die offne Wüste sie. VerwundetTrieb sie sich selbst zu sinnverwirr’nder Hast,Den Wind zur Schnecke machend. Fort und fortGlitt unter ihr der rothe Sand dahin,Und hinter ihr zog eine Säule Staubes,Wie wenn ein Stern von Eblis, abgeschleudertVon Allahs Hand, fegt mit dem FlammenhaarDes Dunkels Oede. Fort und fort erhobenDie nackten Hügel sich – sie kamen – schwanden –Es färbte jeder flücht’ge Sprung die NüsternMit frischem Blut, bis Brust und Stirne Sofuk’sBenetzt mit rothem Schaum. Den Schatz zu retten,Wär’ gern er umgekehrt zum sichern Tod,Doch Kubleh riß die Zügel wild entzwei.Zuletzt, als durch den abgehetzten KörperDie scharfen Schmerzen zuckten – sieh! da zeigtenSich unsre Zelte, und mit einem WiehernDeß jauchzend Uebermaß von LustDie Todesqual besiegte, hielt sie an und fiel.Die Schammarmänner kamen, als sie lag,Und Sofuk hob ihr Haupt und hielt es festAn seiner Brust. Ihr trüb’ verglastes AugeTraf seins – sie zuckte einmal noch und starb.Da, wie ein Kind, brach Sofuk aus in Thränen,
In glühend heiße Thränen; mit ihm weinteDer ganze Stamm.Sie gruben ihr das GrabAn Nimrod’s Wall, wo sie begraben liegtBei alten Helden; und seit jener ZeitSah niemals man, und wird auch niemals sehen,O Araber, und stünd’ so viele MondeDie Welt, als Körner zählt der Wüstensand,Der schönen Kubleh Gleichen. Gott ist groß!“