An die Muse I (Weiße)

Christian Felix Weiße (1726–1804)

[5]An die Muse.

Scherzhafte Muse, meine Freude,Die in zufriedner EinsamkeitMich oft, entfernt vom Stolz und Neide,Mehr, als ein lautes Glück erfreut:

5Laß dich in Auen, Büschen, Gründen,

Wo ich dich suche, liebreich finden,Und lächle Heiterkeit und RuhDen freyen Nebenstunden zu.

[6]Ich will nicht Helden ewig singen,

10Noch mich durch sie zur Ewigkeit:

Mein Lied soll nicht von Waffen klingen;Die Muse bebt vor Blut und Streit.Hier, unter Oel- und LorberbäumenSoll sie von Fried und Freuden träumen:

15Den schönsten Mädchen, besten Wein

Und liebsten Freunden heilig seyn.

Die Scherze sollen sie begleiten,Von süßer Unschuld sanft regiert:Sie lasse keinen von der Seiten,

20Wenn ihn der Jugend Witz verführt!

Ihn, solt ihr einer ja entfliehen,Soll gleich der Ernst zurücke ziehen;Er leg ihm Blumenfesseln an,Daß er nicht mehr entwischen kann.

25[7]Wohlan! so sing in süßen Tönen

Dein junges anmuthsvolles Lied!Und wird dich gleich kein Lorbeer krönen,Der für die Heldendichter blüht:Der Beyfall, den dir Freunde senden,

30Ein Veilchen aus Selindens Händen,

Der Chloe Lächeln, wenn sie liest;Sprich, was dir wünschenswerther ist?