Das Gelübde (Weiße)

Christian Felix Weiße (1726–1804)

[65]Das Gelübde.

Unter dicht bewachsnen LindenFand mich Damon ganz allein,Und er glaubt aus tausend Gründen,Meiner Liebe werth zu seyn:

5Doch ich sprach, nein, dich zu lieben,

Lieber Damon, geht nicht an,Von der Freyheit Glück getrieben,Hab ich ein Gelübd gethan.

Seines Lebens ganzes Glücke,

10Seiner Freuden Gegenstand

Nennt er mich: mit sanftem BlickeDrückt er mir dabey die Hand.Ja, er raubt mir einge Küsse,Eh ich weis, wie mir geschicht;

15Schmeckten sie gleich noch so süße,

Mein Gelübd brach ich doch nicht.

[66]Wild zog er mich zu sich nieder,

Setzte mich auf seinen Schoos;Doch mir bebten alle Glieder,

20Kraftlos sank ich auf das Moos:

Nacht umnebelte die Sinnen,Ich weis nicht, wie mir geschah!Kurz: beklagt mich Schäferinnen,Mein Gelübde brach ich da!

25Mädchen, wollt ihr etwas wagen,

Wagt nur ein Gelübde nicht!Denn ihr brechts in ersten Tagen,Wenn euch nur ein Schäfer spricht:Mit der Freyheit frey zu walten,

30Welch gefährlich Eigenthum!

Götter! dieß Gelübd zu halten,Schafft uns und die Schäfer um!