Das Füllen

Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769)

Das Füllen.

Ein Füllen, das die schwere BürdeDes stolzen Reuters nie gefühlt,Den blanken Zaum für eine WürdeDer zugerittnen Pferde hielt;

Dieß Füllen lief nach allen Pferden,

Worauf es einen Mann erblickt,Und wünschte, bald ein Roß zu werden,Das Sattel, Zaum und Reuter schmückt.

Wie selten kennt die Ehrbegierde

Das Glück, das sie zu wünschen pflegt!

Das Reutzeug, die gewünschte Zierde,Wird diesem Füllen aufgelegt.Man führt es streichelnd hin und wieder,Daß es den Zwang gewohnen soll;

Stolz geht das Füllen auf und nieder,

Und stolz gefällt sichs selber wohl.

Es kam mit prächtigen GeberdenZurück in den verlaßnen Stand,Und machte wiehernd allen Pferden

Sein neu erhaltnes Glück bekannt.

Ach! sprach es zu dem nächsten Gaule,Mich lobten alle, die mich sahn;Ein rother Zaum lief aus dem MauleDie schwarzen Mähnen stolz hinan.

Allein wie giengs am andern Tage?

Das Füllen kam betrübt zurück,Und schwitzend sprach es: Welche PlageIst nicht mein eingebildet Glück!Zwar dient der Zaum, mich auszuputzen;

Doch darum ward er nicht gemacht.

Er ist zu meines Reuters NutzenUnd meiner Sklaverey erdacht.

Was wünscht man sich bey jungen Tagen?Ein Glück, das in die Augen fällt;

Das Glück, ein prächtig Amt zu tragen,

Das keiner doch zu spät erhält.Man eilt vergnügt, es zu erreichen;Und, seiner Freyheit ungetreu,Eilt man nach stolzen Ehrenzeichen,

Und desto tiefrer Sklaverey.