Der Werwolf

Christian Morgenstern (1871–1914)

[86]Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwichvon Weib und Kind, und sich begaban eines Dorfschullehrers Grabund bat ihn: Bitte, beuge mich!

5Der Dorfschulmeister stieg hinauf

auf seines Blechschilds Messingknaufund sprach zum Wolf, der seine Pfotengeduldig kreuzte vor dem Toten:

,Der Werwolf, – sprach der gute Mann,

10,des Weswolfs, Genitiv sodann,

,dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,,den Wenwolf, – damit hat’s ein End’.‘

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,er rollte seine Augenbälle.

15Indessen, bat er, füge doch

zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

[87]Der Dorfschulmeister aber mußte

gestehn, daß er von ihr nichts wußte.Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,

20doch ‚Wer‘ gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –er hatte ja doch Weib und Kind!!Doch da er kein Gelehrter eben,so schied er dankend und ergeben.