Begegnung (Heine)

Heinrich Heine (1797–1856)

Wohl unter der Linde erklingt die Musik,Da tanzen die Burschen und Mädel,Da tanzen zwei die niemand kennt,Sie schau’n so schlank und edel.

5Sie schweben auf, sie schweben ab,

In seltsam fremder Weise,Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,Das Fräulein flüstert leise:

„Mein schöner Junker, auf Eurem Huth

10Schwangt eine Neckenlilje,

Die wächst nur tief in Meeresgrund –Ihr stammt nicht aus Adams Familie.

[210]„Ihr seyd der Wassermann, Ihr wollt

Verlocken des Dorfes Schönen.

15Ich hab’ Euch erkannt, beim ersten Blick,

An Euren fischgrätigen Zähnen.“

Sie schweben auf, sie schweben ab,In seltsam fremder Weise,Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,

20Der Junker flüstert leise:

„Mein schönes Fräulein, sagt mir warumSo eiskalt Eure Hand ist?Sagt mir warum so naß der SaumAn eurem weißen Gewand ist?

25„Ich hab’ Euch erkannt, beim ersten Blick,

An Eurem spöttischen Knixe –Du bist kein irdisches Menschenkind,Du bist mein Mühmchen die Nixe.“

[211]Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,

30Es trennen sich höflich die beiden.

Sie kennen sich leider viel zu gut,Suchen sich jetzt zu vermeiden.