Die Weihe

Heinrich Heine (1797–1856)

Einsam in der Waldkapelle,Vor dem Bild der Himmelsjungfrau,Lag ein frommer, bleicher KnabeDemuthsvoll dahingesunken.

5O Madonna! laß mich ewig

Hier auf dieser Schwelle knien,Wollest nimmer mich verstoßenIn die Welt so kalt und sündig.

O Madonna! sonnig wallen

10Deines Hauptes Stralenlocken;

Süßes Lächeln mild umspieletDeines Mundes heil’ge Rosen.

O Madonna! deine AugenLeuchten mir wie Sternenlichter;

15Lebensschifflein treibet irre,

Sternlein leiten ewig sicher.

O Madonna! sonder WankenTrug ich deine Schmerzenprüfung,Frommer Minne blind vertrauend,

20Nur in deinen Gluten glühend.

O Madonna! hör mich heute,Gnadenvolle, Wunderreiche,Spende mir ein Huldeszeichen,Nur ein leises Huldeszeichen.

25Da thät sich ein schauerlich Wunder bekunden,

Wald und Kapell sind auf einmahl verschwunden;Knabe nicht wußte wie ihm geschehn,Hat Alles auf einmahl umwandelt gesehn.

Und staunend stand er im schmucken Saale,

30Da saß Madonna, doch ohne Stralen;

Sie hat sich verwandelt in liebliche Maid,Und grüßet und lächelt mit kindlicher Freud’.

Und sieh! vom blonden LockenhaupteSie selber sich eine Locke raubte,

35Und sprach zum Knaben mit himmlischem Ton:

Nimm hin deinen besten Erdenlohn!

Sprich nun, wer bezeugt die Weihe?Sahst du nicht die Farben wogenFlammig an der Himmelsbläue?

40Menschen nennen’s Regenbogen.

Englein steigen auf und nieder,Schlagen rauschend mit den Schwingen,Flüstern wundersame Lieder,Süßer Harmonien Klingen.

45Knabe hat es wohl verstanden,

Was mit Sehnsuchtglut ihn ziehetFort und fort nach jenen Landen,Wo die Myrte ewig blühet.