Maria Antoinette

Heinrich Heine (1797–1856)

Maria Antoinette.

Wie heiter im TuilerienschloßBlinken die Spiegelfenster,Und dennoch dort am hellen TagGehn um die alten Gespenster.

5Es spukt im Pavillon de Flor’

Maria Antoinette;Sie hält dort Morgens ihr LeverMit strenger Etiquette.

Geputzte Hofdamen. Die meisten stehn,

10Auf Tabourets andre sitzen;

Die Kleider von Atlas und Goldbrokat,Behängt mit Juwelen und Spitzen.

Die Taille ist schmal, der Reifrock bauscht,Darunter lauschen die netten

15Hochhackigen Füßchen so klug hervor –

Ach, wenn sie nur Köpfe hätten!

[31]Sie haben alle keinen Kopf,

Der Königin selbst manquiretDer Kopf, und Ihro Majestät

20Ist deshalb nicht frisiret.

Ja, Sie, die mit thurmhohem ToupetSo stolz sich konnte gebahren,Die Tochter Maria Theresia’s,Die Enkelin deutscher Cäsaren,

25Sie muß jetzt spuken ohne Frisur

Und ohne Kopf, im KreiseVon unfrisirten Edelfrau’n,Die kopflos gleicherweise.

Das sind die Folgen der Revolution

30Und ihrer fatalen Doctrine;

An Allem ist Schuld Jean Jaques Rousseau,Voltaire und die Guillotine.

Doch sonderbar! es dünkt mich schier,Als hätten die armen Geschöpfe

35Gar nicht bemerkt, wie todt sie sind

Und daß sie verloren die Köpfe.

[32]Ein leeres Gespreize, ganz wie sonst,

Ein abgeschmacktes Scherwenzen –Possirlich sind und schauderhaft

40Die kopflosen Reverenzen.

Es knixt die erste Dame d’atourUnd bringt ein Hemd von Linnen;Die zweite reicht es der KöniginUnd beide knixen von hinnen.

45Die dritte Dam’ und die vierte Dam’

Knixen und niederknieenVor Ihrer Majestät, um IhrDie Strümpfe anzuziehen.

Ein Ehrenfräulein kommt und knixt

50Und bringt das Morgenjäckchen;

Ein andres Fräulein knixt und bringtDer Königin Unterröckchen.

Die Oberhofmeisterin steht dabei,Sie fächert die Brust, die weiße,

55Und in Ermanglung eines Kopfs

Lächelt sie mit dem Steiße.

[33]Wohl durch die verhängten Fenster wirft

Die Sonne neugierige Blicke,Doch wie sie gewahrt den alten Spuk,

60Prallt sie erschrocken zurücke.