Der Schatzgräber (Goethe)

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

[183]Der Schatzgräber.

Arm am Beutel, krank am Herzen,Schleppt’ ich meine langen Tage.Armuth ist die größte Plage,Reichthum ist das höchste Gut!

5Und, zu enden meine Schmerzen,

Ging ich einen Schatz zu graben.Meine Seele sollst du haben!Schrieb ich hin mit eignem Blut.

Und so zog’ ich Kreis’ um Kreise,

10Stellte wunderbare Flammen,

Kraut und Knochenwerk zusammen:Die Beschwörung war vollbracht.Und auf die gelernte WeiseGrub ich nach dem alten Schatze

15Auf dem angezeigten Platze:

Schwarz und stürmisch war die Nacht.

Und ich sah ein Licht von weiten,Und es kam gleich einem SterneHinten aus der fernsten Ferne,

20Eben als es zwölfe schlug.

Und da galt kein Vorbereiten.Heller ward’s mit einemmaleVon dem Glanz der vollen Schale,Die ein schöner Knabe trug.

25[184]Holde Augen sah ich blinken

Unter dichtem Blumenkranze;In des Trankes HimmelsglanzeTrat er in den Kreis herein.Und er hieß mich freundlich trinken;

30Und ich dacht’: es kann der Knabe

Mit der schönen lichten GabeWahrlich nicht der Böse seyn.

Trinke Muth des reinen Lebens!Dann verstehst du die Belehrung,

35Kommst, mit ängstlicher Beschwörung,

Nicht zurück an diesen Ort.Grabe hier nicht mehr vergebens.Tages Arbeit! Abends Gäste!Saure Wochen! Frohe Feste!

40Sey dein künftig Zauberwort.