Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

[58]Elegie

auf den Toddes Bruders meines Freundes.

Im düstern Wald, auf der gespaltnen Eiche,Die einst der Donner hingestrekt,Sing' ich um deines Bruders Leiche,Die fern von uns ein fremdes Grab bedekt.

5Nah schon dem Herbste seiner Jahre

[59]Hoft er getrost der Thaten Lohn;

Doch unaufhaltsam trug die BaareIhn schnell davon.

Du weinest nicht? - Dir nahm ein langes Scheiden

10Die Hofnung ihn hier noch einmal zu sehn.

Gott ließ vor dir ihn zu dem Himmel gehn;Du sahst's und konntest nichts als ihn beneiden.

Doch horch - Welch eine Stimm’

[60] voll Schmerz

Tönt in mein Ohr von seinem Grabe?

15Ich eil’, ich seh’, sie ist’s! Ihr Herz

Liegt mit in seinem Grabe.Verlassen, ohne Trost liegt hie,Mit ängstlicher GebehrdeZu Gott gekehrt, als hofte sie,

20Das schönste Mädgen an der Erde.

Nie hat ein Herz so viel gelitten,Herr, sieh herab auf ihre Noth,Und schenke gnädig ihren BittenSein Leben, oder ihren Tod.

25[61]O Gott, bestrafest du die Liebe,

Du Wesen voller Lieb und Huld?Denn nichts als eine heil’ge LiebeWar dieser Unglükseel’gen Schuld.

Sie hoft im hochzeitlichem Kleide

30Bald mit ihm zum Altar zu ziehn;

Da riß sein Fürst von ihrer SeiteTyrannisch ihn.

O Fürst, du kannst die Menschen zwingen,Für dich allein ihr Leben zu zubringen,Das wird man deinem Stolz’ verzeyhn;

35[62]Doch willst du ihre Seelen binden,

Durch dich zu denken, zu empfinden,Das muß zu Gott um Rache schreyn.

Wie ward sein groses Herz durchstochen,Als er, der nie sein Wort gebrochen,

40Sein Wort zum erstenmale brach,

Zum erstenmal es der Geliebten brach,Der, eh es noch sein Mund versprach,Sein Herz ein ewig Band versprochen.

Als Bürger der bedrängten Erde

45Sprach er, kann ich nie deine seyn;

[63]Doch von der Furcht, daß ich dir untreu werde,

Soll dich mein Tod befreyn.Leb' wohl, es wein bey meinem GrabeJed' zärtlich Herz gerührt von meiner Treu,

50Dann eil' die stolze Tyranney,

Der ich schon längst vergeben habe,Daß sie des Grabes Ursach sey,Unwillig fühlend, schnell vorbey.