Erlkönig

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

[104] Erlkönig.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?Es ist der Vater mit seinem Kind;Er hat den Knaben wohl in dem Arm,Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

5Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? —

Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? —Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. —

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!

10Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;

Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ —

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,Was Erlenkönig mir leise verspricht? —

15Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;

In dürren Blättern säuselt der Wind. —

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?Meine Töchter sollen dich warten schön;Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn

20Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ —

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dortErlkönigs Töchter am düstern Ort? —Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:Es scheinen die alten Weiden so grau. —

25„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ —Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!Erlkönig hat mir ein Leids getan! —

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,

30Er hält in Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Mühe und Not;In seinen Armen das Kind war tot.