An die Dichter (Eichendorff)

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

An die Dichter.

Wo treues Wollen, redlich StrebenUnd rechten Sinn der Rechte spürt,Das muß die Seele ihm erheben,Das hat mich jedesmal gerührt.

5Das Reich des Glaubens ist geendet,

Zerstört die alte Herrlichkeit,Die Schönheit weinend abgewendet,So gnadenlos ist unsre Zeit.

O Einfalt gut in frommen Herzen

10Du züchtig schöne Gottesbraut!

Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,Weil Dir vor ihrer Klugheit graut.

Wo find’st Du nun ein Haus, vertrieben,Wo man Dir Deine Wunder läßt,

15Das treue Thun, das schöne Lieben,

Des Lebens fromm vergnüglich Fest?

Wo findest Du den alten Garten,Dein Spielzeug, wunderbares Kind,Der Sterne heil’ge Redensarten,

20Das Morgenroth, den frischen Wind?

Wie hat die Sonne schön geschienen!Nun ist so alt und schwach die Zeit;Wie steh’st so jung Du unter ihnen,Wie wird mein Herz mir stark und weit!

25Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn Alles um ihn her zerfällt,Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –Der Dichter ist das Herz der Welt.

Den blöden Willen aller Wesen,

30Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,Der schöne Liebling der Natur.

D’rum hat ihm Gott das Wort gegeben,Das kühn das Dunkelste benennt,

35Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die Keiner kennt.

Da soll er singen frei auf Erden,In Lust und Noth auf Gott vertrau’n,Daß aller Herzen freier werden,

40Erathmend in die Klänge schau’n.

Der Ehre sei er recht zum Horte,Der Schande leucht’ er ins Gesicht!Viel Wunderkraft ist in dem Worte,Das hell aus reinem Herzen bricht.

45Vor Eitelkeit soll er vor Allen

Streng hüten sein unschuld’ges Herz,Im Falschen nimmer sich gefallen,Um eitel Witz und blanken Scherz.

O laß’t unedle Mühe fahren,

50O klingelt, gleißt und schielet nicht

Mit Licht-und Gnad’, so ihr erfahren,Zur Sünde macht ihr das Gedicht!

Den lieben Gott laß’ in Dir walten,Aus frischer Brust nur treulich sing’!

55Was wahr in Dir, wird sich gestalten.

Das andre ist erbärmlich Ding. –

Den Morgen seh’ ich ferne scheinen.Die Strome zieh’n im grünen Grund,Mir ist so wohl! – die’s ehrlich meinen,

60Die grüß’ ich All’ aus Herzensgrund!